Kultur : Vergesst Idomeneo!

Jörg Königsdorf

Nun spielen sie den „Idomeneo“ also doch. Wenn alles klappt, sogar noch in diesem Jahr, so dass die Vorstellungen als krönender Abschluss des Mozartjahres durchgehen könnten. All diejenigen, die in den letzten Wochen eine Idomeneo-Aufnahme gekauft (nach Auskunft des Fachhandels waren das viele) und das Werk gerade erst kennengelernt haben, seien jedoch gewarnt: Was sie zu hören bekommen, wird sie vielleicht enttäuschen. Denn nicht nur Mohammed und Jesus büßen auf der Bühne ihre Häupter ein, auch Mozarts Partitur wird in der Fassung der Deutschen Oper ziemlich amputiert – von den vier Stunden, die ein vollständiger „Idomeneo“ mit allem Ballett-Drum-und-Dran dauert, ist in der Neuenfels-Inszenierung nicht einmal die Hälfte übrig geblieben.

Mehr noch: Rein musikalisch ist der „Idomeneo“ ohnehin eher ein Beleg dafür, dass Mozart an der Deutschen Oper eigentlich nichts zu suchen hat. Denn das Haus ist schlichtweg zu groß für diese Werke. Der Aufruhr der Elemente, den das Orchester im „Idomeneo“ entfesseln muss, schwappt hier nur eine Handbreit über den Grabenrand; die Sänger müssen die Gefühlsgesten ihrer Arien künstlich aufblasen (meist auf Kosten der Koloraturgenauigkeit). Bei einem solchen Kraftakt geht der Zusammenhang der dramatischen Entwicklung verloren, die Arien und Rezitative liegen als lose Brocken im leeren Raum.

Da passt es gut, dass es gerade jetzt die seltene Gelegenheit gibt, Mozart-Oper in einem Raum zu erleben, der dieses Gleichgewicht schon von sich aus hält: im historischen Potsdamer Schlosstheater im Neuen Palais . Hier brauchen die Sänger keine Angst zu haben, dass das Orchester sie übertrumpft. Die Arien entwickeln sich ganz natürlich als emotionale Kristallisationspunkte aus den Rezitativen heraus, ohne den Zusammenhalt zu gefährden. Unter dem Etikett Potsdamer Winteroper kann man im November acht Mal Mozart im 226 Plätze fassenden Theaterchen erleben. Seele des Geschäfts ist die Kammerakademie Potsdam, die immer wieder zeigt, wie man historisches Stilbewusstsein in lebendiges Musiktheater verwandelt. Noch mehr als der „Titus“, der am 11. November für drei Vorstellungen unter Leitung von Brandenburgs Generalmusikdirektor Michael Helmrath wieder aufgenommen wird, ist die intim dimensionierte „Cosí fan tutte“ ideal für diesen Raum. Am Sonnabend ist Premiere der Inszenierung des Potsdamer Intendanten Uwe-Eric Laufenberg. Mit Konrad Junghänel gibt einer der Stars der Alten-Musik-Szene sein Mozart-Debüt.

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