Kultur : Vergesst Las Vegas!

Comeback des jüdischen Elvis: Neil Diamond bekennt sich zum Folkrock

Christian Schröder

Rockstars sehen anders aus. Die Beine stecken in einer schwarzen Bügelfaltenhose, das Hemd ist mit Blumengirlanden bestickt. „Forever in Blue Jeans“ heißt einer seiner Songs, aber Blue Jeans trägt Neil Diamond schon lange nicht mehr. Er ist jetzt 64 Jahre alt, ein Toupet verdeckt seine Halbglatze, undenkbar, dass er wie Mick Jagger noch in der Lederjacke über die Bühne tanzen könnte. Diamond wollte nie ein Rebell sein, er sieht sich als Entertainer. Konsequenterweise führte ihn sein Weg nach Las Vegas, in die Welthauptstadt des Entertainments, wo er mit seinen orchestral aufgeblasenen Hits aus den Sechziger- und Siebzigerjahren noch immer für ausverkaufte Säle sorgt. Seine Fans feierten den „jüdischen Elvis“, die Kritiker spotteten über ihn als – so die „Süddeutsche Zeitung“ – „wahrscheinlich kleinbürgerlichsten Popstar“. Der Sänger galt als erledigter Fall.

Diamond hat 120 Millionen Platten verkauft und ist trotzdem nie in den Verdacht geraten, cool zu sein. Das könnte sich jetzt ändern. Gerade ist in Amerika sein neues Album „12 Songs“ erschienen, mit dem der Songwriter zu seinen Wurzeln zurückkehrt. Der Las-Vegas- Pomp scheint wie weggeblasen, Diamonds Baritonstimme, die so rau und brüchig wie nie klingt, wird von sparsamen Akustik-Arrangements begleitet, oft nur von seiner eigenen Gitarre. Verantwortlich für diesen Minimalismus ist Rick Rubin. Der Produzent sieht mit seinen langen, langsam ergrauenden Haaren und dem Karl-Marx-Rauschebart wie ein Metal-Fan aus, tatsächlich hat er einst Krachbands wie Slayer und die Red Hot Chili Peppers in die Hitparaden gehievt. Seine größten Meriten erwarb er sich allerdings, als er Johnny Cash, der seinen Plattenvertrag verloren hatte, ab 1994 mit vier „American Recordings“-Alben zu einem triumphalen Comeback verhalf.

„One, two, three“, murmelnd zählt Diamond den Takt an, dann folgt ein dunkler Klavierakkord und eine spröde gezupfte Akustikgitarrenmelodie. So beginnt „Oh Mary“, das Auftaktstück von „12 Songs“. Bis auf eine Ausnahme – die Beziehungs- Abrechnung „Delirious Love“ im hämmernden Viervierteltakt – versammelt das Album ausschließlich Balladen und Midtemponummern. Doch anders als bei Johnny Cash, der an einer Parkinson-Erkrankung litt und mit den „American Recordings“ gegen den Tod ansang, liegt über Neil Diamonds Folkliedern kein düsterer Schatten. Die vorherrschende Stimmung: sonnendurchflutet. „Man of God“ ist ein Dankgebet mit brummender Südstaaten-Soul-Orgel, „I’m On To You“ erinnert mit seinen skizzenhaften Gitarrenakkorden und gestopften Trompeten an die naiven Weltumarmungsoden von Simon & Garfunkel. „Evermore“, das herausragende Stück der Platte, beginnt mit einer Lagerfeuergitarre und endet in sinfonischem Schwelgen.

Diamond singt vom Älterwerden, von zerplatzten Träumen und verflossenen Lieben. „I’m a man of song / Gonna sing it far and near / Gonna make a joyful sound / One that every heart can hear“, heißt es in „Man Of God“. Zeilen, die auch vom späten Cash stammen könnten: Diamond stimmt ein Gotteslob an, und jedes Herz soll es hören können. Zwei Jahre hat er an dem Album gearbeitet. Rubin, der mit Cash eine herzzerreißende Coverversion von Diamonds Stück „Solitary Man“ aufgenommen hatte, rief den Sänger an und vereinbarte ein Treffen. Anfangs sahen sie sich einmal die Woche in Diamonds Villa in Los Angeles, hörten Musik, redeten. Es war wie in einer Therapiegruppe. „Rick fragte mich freundlich, warum sich meine Songs so sehr verändert hätten“, erzählte Diamond in einem Interview. „Ich habe immer versucht, meine Musik interessant klingen zu lassen. Leider wurden die Platten dabei immer größer, aber die Songs immer langweiliger.“

Man muss sich Rick Rubin als eine Art Pop-Buddha vorstellen. Während Neil Diamond die Stücke für „12 Songs“ schrieb, saß der Produzent barfuß und im Schneidersitz auf dem Sofa und beschwor ihn: Sei simpel, lass’ die Schnörkel weg! „Ziel war es nicht, zurückzukehren zu den guten alten Zeiten“, sagt Rubin. „Ziel war es, zur Essenz seiner Kreativität vorzustoßen.“ Er überredete Diamond, auf dem Album wieder selber Gitarre zu spielen, zum ersten Mal seit dreißig Jahren. Und er stellte ihm exzellente Begleitmusiker an die Seite, darunter Organist Billy Preston, der lange mit den Rolling Stones arbeitete, und Gitarrist Mike Campbell von Tom Pettys Heartbreakers.

Dass der Sänger, der lange als eher peinliche Figur galt, nun als Held des amerikanischen Liedermachertums gefeiert wird, ist nicht zuletzt das Verdienst von Quentin Tarantino. Der Regisseur hatte 1994 dessen Song „Girl You’ll Be A Woman Soon“ in den Soundtrack seines Films „Pulp Fiction“ aufgenommen. Bald waren Stücke des bekennenden Republikaners auch im Mafiathriller „Donnie Brasco“, in Martin Scorseses Krankenwagen-Melodram „Bringing Out The Dead“ und dem Disney-Blockbuster „Shrek“ zu hören.

Diamond, Sohn eines Lebensmittelhändlers aus Brooklyn, schrieb am Anfang seiner Karriere für 50 Dollar die Woche Hits am Fließband: „Just Another Guy“ für Cliff Richard, „Kentucky Woman“ für Deep Purple, „I’m A Believer“ für die Monkees. Mit der Single „Cherry Cherry“ gelang ihm 1966 der Durchbruch unter eigenem Namen. 1973, nachdem er einen Zehn-Millionen-Dollar-Plattenvertrag unterschrieben hatte, sagte er: „Ich träume davon, Beethoven, Tschaikowsky und Robert Frost zu sein.“ Ein Traum, der zu zuckrigen Streicherarrangements und epigonalem Breitwandpop führte. Mit „12 Songs“ ist Neil Diamond wieder bei sich selber angekommen.

Neil Diamond: 12 Songs (Columbia/Sony/US-Import)

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