Kultur : Vergesst Nemo!

Kino: „Deep blue“ stürzt sich staunend in die Meeresfluten

Julian Hanich

Hier tobt der Krieg der Meere. In Zeitlupe katapultiert ein Killerwal einen Seelöwen in die Höhe und zerreißt ihn anschließend in der Luft. Albatrosse schießen wie schwarzweiße Giftpfeile aus der Luft ins Meer, um einen Schwarm von Fischen zu erlegen. Und Korallen fressen sich gegenseitig bei lebendigem Leib. Wem die Stunde schlägt, der wird vor seinen grausamen Richter gezerrt. Befänden wir uns hier nicht im Wasser, man könnte sagen: Das Tier ist des Tieres Wolf.

Die Regisseure Alastair Fothergill und Andy Byatt kaschieren in ihrer beeindruckenden Dokumentation keineswegs, dass sie fasziniert sind vom brutalen Kampf der Meeresbestien. Doch sie haben auch einen humorvollen Blick für den Tanz der Wasserwesen. Krebse krabbeln zu Latino-Rhythmen. Quallen lassen ihre Ballettröcke wippen. Dabei ergeben sich Formationen, als handelte es sich um wohl komponierte Naturgemälde. Und manche Einstellung könnte in ihrer blauen Monochromatik durchaus als avantgardistisches Experiment durchgehen.

„Deep Blue“, ein Prestigeprojekt der BBC Natural History Unit, fügt sich in eine Reihe von Filmen, die sich staunend in die Wunderwelt der Natur begeben, um dabei gleichzeitig die Wucht der Kinobilder hoch zu halten. In „Nomaden der Lüfte“ (2002) flog, schwebte, glitt die Kamera mit den Zugvögeln majestätisch durch die Luft. In „Mikrokosmos“ (1996) duckte sie sich tief ins Gras, um die Welt der Insekten zu bewundern. Und in „Deep Blue“ taucht sie nun buchstäblich hinab in die tiefsten Tiefen der Ozeane. Die Strategie ist in allen drei Filmen die gleiche: Es geht um Faszination und Überwältigung durch hyperrealistische Bilder. Für „Deep Blue“ haben 20 Kamerateams an mehr als 200 Drehorten über 7000 Stunden Material gefilmt. In Zeiten der durchdigitalisierten Fantasiewelten stillen diese Filme die Sehnsucht nach dem echten Unbekannten, dem Noch-nie-Gesehenen. „Deep Blue“ wird zum Gegenstück von „Finding Nemo“.

Durch Toneffekte und Musik wird versucht, Emotionen zu wecken. Das allerdings geht nicht immer gut: Für „Deep Blue“ hat George Fenton („Gandhi“) eine ausufernde Filmmusik geschrieben, in der die Bilder manchmal zu ertrinken drohen. Eingespielt wurde dieser Soundtrack übrigens von den Berliner Philharmonikern, die sich dafür das erste Mal in ihrer 122-jährigen Geschichte zur Verfügung stellten. „Deep Blue“ ist ein Naturspektakel, keine Heinz-Sielmann-Dokumentation. Es gehört dazu, dass man sich ab und zu die Augen reibt. Unter der Meeresoberfläche lauern archaische Salzwasserviecher mit Zähnen wie Stacheldrähte. Von diesen Kreaturen hätte nicht mal J.R.R. Tolkien zu träumen gewagt.

In Berlin in den Hackeschen Höfen, im Neuen Kant Kino sowie im Rollberg.

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