Kultur : Vergiss die Peitsche nicht

Von Denis Scheck

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (heute, 23.30 Uhr, unter anderem mit den Gästen Silvia Bovenschen, Felicitas Hoppe und Thomas Hettche).

Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
Service Online bestellen: "Zeit"
10) Stefan Klein: Zeit – der Stoff aus dem das Leben ist. (S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 18,90 €)

Stefan Klein schreibt wie kaum ein deutscher Wissenschaftsjournalist: einladend locker, aber nie seicht. Sein neues Buch handelt von unserem Gehirn als Zeitmaschine, von der biologischen Uhr, die in jedem von uns tickt, und von dem paradoxen Umstand, dass wir gleichwohl selbst bestimmen, wie wir unsere Lebenszeit erleben. Ein gutes Sachbuch , das einem die Angst vor der verrinnenden Zeit zu nehmen versteht.

Service Online bestellen: "Weltkrieg um Wohlstand"
9) Gabor Steingart: Weltkrieg um Wohlstand (Piper Verlag, 400 Seiten, 19,90 €)

Anschaulich schreiben kann auch Gabor Steingart. Nur liest sich seine durchaus plausible Warnung vor der neuen ökonomischen Stärke Asiens und dem angeblichen „Termitenstaat“ China mitunter wie eine antiquierte Hetzschrift gegen die gelbe Gefahr. „China ist dem Wortsinne nach eine düstere Großmacht“, schreibt Gabor Steingart, „weil wir nicht fühlen, was sie fühlen, nicht wissen, was sie denken, und nicht einmal ahnen, was sie planen.“ Ehe wir jetzt alle in Panik vor einer Milliarde neuer Dr. Fu Manchus verfallen: Haben Sie’s einfach mal mit Chinesischlernen versucht, Hell Steingalt?

Service Online bestellen: "Liebe dich selbst..."
8) Eva-Maria Zurhorst: Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest (Goldmann Arkana, 382 Seiten, 18,90 €)

Sollten Sie wirklich glauben, dass es egal ist, wen Sie heiraten, Hauptsache Sie lieben nur sich selbst, dann können Sie schwerlich dümmer werden, indem Sie dieses Buch lesen.

Service Online bestellen: "Ich nicht"
7) Joachim Fest: Ich nicht (Rowohlt, 368 Seiten, 19,90 €)

„Ich nicht“, das letzte und persönlichste Buch von Joachim Fest, ist die Geschichte einer deutschen Familie, die sich während der Nazizeit dem Anpassungsdruck um den hohen Preis des sozialen Abstiegs und der Isolation entzog. Weil diese Erfahrung universell ist und auch für heutiges Mitläufertum gilt, zählen Fests in wunderbar luzidem Deutsch geschriebenen Lebenserinnerungen zu den Höhepunkten der biografischen Literatur unserer Zeit.

Service Online bestellen: "Lebe mit Herz und Seele"
6) Dietrich Grönemeyer: Lebe mit Herz und Seele (Herder Verlag, 221 Seiten, 16, 90 €)

Angeblich ein Beitrag zur Wertedebatte, tatsächlich aber ein wirres und komplett unstrukturiertes Sammelsurium von schwammigen Meinungen zu so disparaten Themen wie Apparatemedizin und Straßenfußball, Kernkraft und Hausmusik. Leben mit Sinn und Verstand sieht anders aus.

Service Online bestellen: "Und morgen bringe ich ihn um!"
5) Katharina Münk: Und morgen bringe ich ihn um! (Eichborn, 173 Seiten, 14, 90 €)

Eine Sekretärin packt aus: so die verlockende Prämisse dieses Enthüllungsbuchs. Leider erschöpft es sich aber in der Aufzählung von Marotten diverser Vorgesetzter, ohne zu fragen, warum im Kapitalismus zwar Untergebene nachts unentwegt an ihre Chefs denken, diese Chefs nachts aber eher selten an ihre Untergebenen. So ganz ohne die Machtfrage zu stellen, wird man diesem Phänomen, fürchte ich, nicht gerecht.

Service Online bestellen: "Lob der Disziplin"
4) Bernhard Bueb: Lob der Disziplin (List Verlag, 160 Seiten, 18 €)

Du gehst zu Kindern? Vergiss die Peitsche nicht! Auf diesen Nenner lässt sich die pädagogische Streitschrift des langjährigen Leiters des Internats Schloss Salem bringen. In einer Gesellschaft, die nichts so sehr herbeisehnt wie einen konservativen Rollback, darf man das Gratismut nennen. „Lob der Disziplin“ ist dennoch lesenswert: Bueb hat in meinen Augen die falschen Antworten. Aber er stellt die richtigen Fragen.

Service Online bestellen: "Tag und Nacht und auch im Sommer"
3) Frank McCourt: Tag und Nacht und auch im Sommer (Deutsch von Rudolf Hermstein, Luchterhand, 336 Seiten, 19, 95 €)

Dass das Leben doch ein klein wenig bunter und vielfältiger ist, als sich deutsche Rohrstock-Pädagogen träumen lassen, was man als Lehrer von Fred Astaire lernen kann und warum zudem diese Werte, die es in der Schule zu vermitteln gilt, auch noch so eine verflixt relative Sache sind, all das erfährt man aus diesem amüsanten Memoirenbuch über Frank McCourts 30 Jahre als schlecht bezahlter Lehrer an amerikanischen High Schools in New York.

Service Online bestellen: "Das Eva-Prinzip"
2) Eva Herman: Das Eva-Prinzip (Pendo Verlag, 264 Seiten 18 €)

„Wir haben mit der Ordnung der Dinge gebrochen und zerbrechen nun selbst daran“, schreibt Eva Herman. Ihr Buch taugt nichts, weil Eva Herman drei Dinge verwechselt: Kinder mit Glück, Gleichberechtigung mit Zufriedenheit und die Rolle der Frau, wie sie die Natur vorsieht, mit der Rolle der Frau, wie sie Deutschland unter Adenauer vorsah.

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1) Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg (Malik Verlag, 344 Seiten, 19, 90 €)

Kerkelings Schnurren von einer Pilgerreise auf dem Jakobsweg besitzen Unterhaltungswert. Leider streut der Autor pseudophilosophische Reflexionen in sie ein, die zu solch grunderschütternden Einsichten führen wie: „Die wesentlichen Merkmale des Lebens sind Geburt und Tod.“ Da hat er zweifellos recht – aber diese Art von Witzischkeit kennt leider enge Grenzen.

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