Kultur : Vergoldet

Alfred Ehrhardts Bilder der portugiesischen Diktatur.

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Fünf Monate lang reiste der Fotograf und Dokumentarfilmer Alfred Ehrhardt 1951 durch Portugal und sammelte Szenen für seinen abendfüllenden Kulturfilm „Portugal – Unbekanntes Land am Meer“. Wie immer hatte er auch seinen Fotoapparat dabei, um Windmühlen, gotische Kirchen und einfache Leute bei der Weinernte oder auf Märkten festzuhalten. Er mag ein wenig geträumt haben, als er das Land von „lieblicher Einfachheit und besinnlicher Heiterkeit“ geprägt sah. Die Männer und Frauen in Salazars überfüllten Gefängnissen dachten wahrscheinlich anders. Vergoldete Ehrhardt eine der schlimmsten Diktaturen Europas?

Vom Bauhaus, an dem er 1928/29 einen Vorkurs belegte, und der Neuen Sachlichkeit eines Renger-Patzsch geprägt, faszinierten Ehrhardt stets die „Urkräfte des Lebens“, denen auch sein erster Film von 1939 gewidmet ist. Wie sich eine uralte Windmühle im Gegenlicht vom blanken Himmel abhebt, wie ein Turm in die Landschaft ragt, Säulen den Kreuzgang in Belem einrahmen oder Eiffels kühne Brückenkonstruktion den Duoro-Fluss in Porto überspannt, ließ ihn ebenso wenig los wie die Arbeit von Algenfischern, einer Flachsspinnerin oder eines jungen Trägers in einem Weinberg. Herausgehoben aus dem politischen und sozialen Umfeld faszinieren diese Bilder reiner Schönheit noch heute, und man kann der Alfred-Ehrhardt-Stiftung dankbar sein, dass sie die in Buchform vergriffene umfangreiche Serie wieder zugänglich macht.

Im armen Portugal fand der Fotograf jene Atmosphäre der Schlichtheit, die zum Programm des Bauhauses gehörte. Dass er dafür bei der portugiesischen Zensur Genehmigungen einholen musste, war eine gewiss auch von ihm so empfundene fatale Begleiterscheinung. Aber er befand sich dabei in bester europäischer Gesellschaft. Sowjetische Fotografen wie Alexander Rodtschenko meißelten aus Licht und Schatten Arbeiter und Bauern als Hoffnungsträger der lichten Zukunft, die von den dunklen Wolken des heraufziehenden Stalinismus längst verdunkelt war. Herbert List beschwor in großartigen Aufnahmen den Mythos des antiken Hellas, während das Land unter der Metaxas-Diktatur stöhnte. Man sollte in allen diesen Arbeiten der Avantgarde den Versuch einer Antwort auf die Verhältnisse sehen. Alfred Ehrhardt suchte Bilder, die der schlimmen jüngsten deutschen Geschichte und dem geschäftigen Geist des Wiederaufbaus in der Bundesrepublik eine Kunstwelt aus klaren Formen entgegensetzten. Der symmetrische Bildaufbau seiner großartigen Schwarzweißkompositionen ließ für Ideologien und Merkantilismus keinen Raum. Hans-Jörg Rother

Alfred-Ehrhardt-Stiftung, Auguststr. 75, bis 15. Juli, Di-So 11-18 Uhr, Do 11-21 Uhr

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