Kultur : Vergoldete Adler

Helmut Caspar

Standing ovations und jede Menge verkaufter CDs und Kassetten - mit diesem Echo haben die Rostocker Programmierer Steffen Becker und Sandy Lunitz nicht gerechnet, als sie im Roten Rathaus den Teilnehmern der Jahrestagung des Fördervereins Berliner Schloss einen am Computer erstellten virtuellen Gang rund um das Berliner Schloss präsentierten. Für einen Moment war der 1950 vernichtete Prachtbau mit seiner gelblichen Fassade, den prächtigen Portalen und der grün patinierten Kuppel wieder da.

Behauptungen, die Rekonstruktion der von Schlüter und anderen Künstlern gestalteten Fassade wäre wegen fehlender Unterlagen kaum möglich, tritt der Vereinsvorsitzende Wilhelm von Boddien vehement entgegen. Um zu demonstrieren, wie genau man arbeiten kann, plant er, vor das Staatsratsgebäude eine 30 Meter hohe und 14 Meter breite Musterfassade zu stellen. Die beiden Fensterachsen bestehen nicht mehr aus einer illusionistisch bemalten Plastikplane, sondern aus Ziegelmauerwerk und künstlerisch bearbeitetem Sandstein.

Die Musterachse will der Berliner Architekt Rupert Stuhlemmer "passgerecht" rechts neben den Eingang des Staatsratsgebäudes stellen, das aus den Resten des Schlossportals IV besteht. Damit entstünde eine zusammenhängende Fläche, "die sehr gut und nun auch dreidimensional die Wirkung der Schlossfassade demonstriert", so Stuhlemmer. Hilfreich war der überraschende Fund eines Lageplans von 1880 im Vermessungsamt Berlin-Mitte.

"Gelegentlich wird behauptet, dass sich die Schlossfassade nicht oder nur unzureichend rekonstruieren lässt, weil Unterlagen fehlen. Wir treten den Beweis an, dass die Rekonstruktion möglich ist mit allen Details, bis in die letzte Unterkante hinein. Die Musterfassade wird die Probe aufs Exempel sein", so Stuhlemmer. Er weist nach, dass die um 1700 nach Plänen von Andreas Schlüter gestaltete Schlossfassade keine Serienanfertigung war, sondern die Handschrift mehrerer Bildhauer und Steinmetze trägt. Ob Adler, Girlanden, Kronen oder Widderköpfe - jedes Detail ist anders gearbeitet. So soll es auch wieder werden. Die Fassadenelemente sollen in eine 30 Meter hohe Stahlkonstruktion eingefügt werden. "Das bietet die Möglichkeit, sämtliche Sandsteinwerkstücke für einen möglichen Wiederaufbau des Schlosses zu nutzen". Wenn die Musterfassade steht, sollen Adler und andere Details wie zu Schlüters Zeiten vergoldet werden.

Wilhelm von Boddien erhofft sich von der Probeachse neue Impulse für den Wiederaufbau des Schlosses. Sie soll natürlich auch die Spendenfreudigkeit unterstützen, "weil Menschen dafür am ehesten zu überzeugen sind, wenn sie sehen, wofür sie etwas spenden." Das spektakuläre Projekt soll die Entscheidungsfreude der Politiker stimulieren, denn das Kommissionsvotum hat nur empfehlende Kraft. Von Boddien mahnt die Schlossbau-Befürworter zur Gelassenheit. Er hofft, dass Bundeskanzler Schröder bei seinem Bekenntnis für das Schloss bleibt. Für seine Vision unermüdlich im In- und Ausland unterwegs, rechnet der Vereinschef nicht mehr vor der Bundestagswahl mit einem Entschließungsantrag im Parlament. Bis dahin steht intensive Lobbyarbeit auf dem Programm.

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