Kultur : Verhängnis und Charakter

Zwiespalt einer Epoche: Hans Magnus Enzensbergers Roman über den widerständigen NS-General Kurt Hammerstein

Hermann Rudolph

So beginnen Romane. Oder sollte man besser sagen: So begannen sie, als das Erzählen noch etwas gegolten hat? „Wie jeden Morgen verließ der General am 3. Februar 1933 pünktlich um sieben Uhr seine Wohnung im Ostflügel des Bendlerblocks.“ Ist Hans Magnus Enzensberger auf seine reifen Tage zum klassischen Autor mutiert? Spielt er, der Luft- und Feuergeist der deutschen Literatur, mit den Formen? Denn der Satz leitet keinen altväterlichen Roman ein, auch keines der essayistisch-ironischen Dramolette, mit denen der Autor in früheren Zeiten auf didaktische und amüsierende Weise die gesellschaftlichen Verhältnisse der Republik vorführte. Mit seinem neuen, am heutigen Montag erscheinenden Buch steigt Enzensberger tief hinab in die Gründe und Abgründe der deutschen Geschichte. Hier wird es ernst. Den deutschen Ernstfall nennt er sein Thema.

Der Bezugspunkt heißt Hammerstein – Kurt von Hammerstein-Equord, kaiserlicher Offizier, General, schließlich 1930 Chef der Reichswehr. Man kennt ihn als eine Gestalt in den Kulissen der Weimarer Republik, zuletzt als Vertrauter von Kurt von Schleicher, des letzten Reichskanzlers vor Hitler. Bei unserer Anfälligkeit für Erinnerungstage gibt das dem Buch einen gut getimten Auftritt. Denn es ist dieser Tage 75 Jahre her, dass mit dem Scheitern dieses Meisters der Winkelzüge, den dann Hindenburg kalt fallen ließ, das leckgeschlagene Schiff der Republik endgültig kenterte und in der zerstörerischen Springflut der Machtergreifung versank.

Der General, der am Morgen seine Wohnung verlässt, ist am Abend in seinen Diensträumen Gastgeber eines Essens für Hitler, bei dem dieser der Reichswehrführung seine Pläne darlegt: im Auftreten erst linkisch, dann ein Brutalo, der freimütig den Willen bekennt, das Unterste zuoberst zu kehren.

Die Gestalt dieses Hammerstein hat Enzensberger in seinen Bann gezogen. Auch weil sie für eine Familie steht, in der sich das Fremde und das Herausfordernde der Zeit spiegelt, ihre Irrtümer und ihre Tragik, ihre Fliehkräfte und ihre Widersprüche. Voran der General selber: ein adliger Militär alter Schule, eigensinnig bis zum Exzess, als Chef genial und faul zugleich, als Mensch schroff und liebenswürdig, und in dieser Mischung – dies vor allem – völlig immun gegen das Regime. Dazu ein dichtes familiäres Milieu, Fundgrube für originelle bis bizarre Eigenschaften und Umgangsformen. Sieben Kinder: Drei Töchter verfallen der Anziehungskraft des Kommunismus, zeitweise oder auf Dauer, zwei Söhne sind in den 20. Juli involviert.

Was Enzensberger fasziniert, ist offenbar die Unabhängigkeit, besser vielleicht: die erstaunliche Charakterkraft, die Kurt von Hammerstein verkörpert. Er findet darin ein Indiz für die Mentalität, die den Adel überproportional am Widerstand gegen Hitler beteiligt sein ließ, obwohl seine Mehrheit sich, andererseits, besonders anfällig für den Nationalsozialismus zeigte. Er zitiert die Publizistin Ursula von Kardorff: Sie habe kaum einen Menschen gekannt, der „so offensichtlich ablehnend gegen das Regime war, ohne jede Vorsicht, ohne jede Furcht“. Und er entrichtet ihm seine Achtung, ja Bewunderung: „In seinem Clan“, so Enzensberger, „hat es keinen einzigen Nationalsozialisten gegeben. Nicht allzu viele deutsche Familien können das von sich sagen.“

Aber das Interesse des Autors wird auch dadurch stimuliert, dass ihm das Sozialmilieu, in dem diese Haltung wurzelt, höchst befremdlich, ja, fragwürdig ist – mit guten Gründen. Ob er über Hitler gesagt hat – wie kolportiert wird –, „Wir wollen’s langsamer. Sonst sind wir eigentlich seiner Meinung“, ist nicht sicher, aber auf autoritärem Kurs war er allemal, genauso wie die meisten seiner Standesgenossen.

Hammerstein gehörte zu der Oberschicht, die mit ihren tief sitzenden Ressentiments und dazugehörigen Scheuklappen am deutschen Verhängnis mitwirkte. Hammerstein hatte seine Rolle in dem konservativ-reaktionären Klüngel, der mit seinen Manövern und Intrigen die Weimarer Republik in die Katastrophe steuerte, und es ändert daran nichts, dass er sie auf seine Art spielte – schweigsam, sarkastisch, „unpolitisch“, eben, um den Begriff zu benutzen, in dem sich Enzensbergers Faszination verdichtet, eigensinnig. Zugleich steht er in der Fluchtlinie jener Aristokraten, die später, nach seinem Tod 1943, versuchten, Hitler zu beseitigen. Es ist die tiefe Ambivalenz der Zeit und ihres Führungspersonals, die Enzensberger herausfordert.

Der Zwiespalt einer Epoche, die zwischen die Mühlsteine der gesellschaftlichen Umbrüche und der politischen Ideologien geraten war, spiegelt sich auch in den Lebenswegen der Töchter. Wenn auch ganz anders, mit Jugendbewegung, sozialem Engagement und einem Berlin, das für sie nicht das der „Goldenen Zwanzigerjahre“ war, sondern „ein großes Meer, in dem man verschwinden konnte“. Sie absolvieren das ganze Repertoire der Selbstverwirklichungssehnsüchte, bis die Welt der kommunistischen Bewegung und ihr sinistrer Parteibetrieb sie einholt.

So verbindet sich mit der Geschichte des Grandseigneurs Kurt von Hammerstein ein Kapitel, das zu den dunkelsten des vergangenen Jahrhunderts zählt. Es handelt von Konspiration und Spionage im Zeichen der weltrevolutionären Verheißung, mit ihren Decknamen, Denunziation, Verfolgungen und – für viele – dem Ende in den Verliesen der sowjetischen Geheimpolizei. Eine der Hammerstein-Töchter arbeitete für die militärpolitische Abteilung der KPD, ihr Lebensgefährte fiel der Säuberung zum Opfer, eine andere hielt an ihrem Glauben fest und entschied sich nach dem Krieg für die DDR.

Diese Hammersteins: Sie sind alles in allem der Stoff einer merkwürdigen Geschichte – obwohl es eigentlich gar keine Geschichte ist, sondern eine Trümmer- und Ruinenlandschaft, besichtigt nach einer Katastrophe. Entsprechend ist das Buch auch kein Roman geworden, sondern ein immer wieder neu ansetzender Versuch, in unterschiedlichen Formen einen brüchigen Stoff zu durchdringen und zu organisieren. Enzensberger hat viel Material unterschiedlicher Provenienz zusammengetragen, Momentaufnahmen und Mutmaßungen, Erinnerungen und Dokumente, darunter auch solche, die erst der Zusammenbruch des Kommunismus zutage befördert hat. Die Mitschrift jener enthüllenden Hitler-Rede vor der deutschen Generalität, aufgefunden von seinem Mitarbeiter Reinhard Müller im Archiv der Komintern, ist ein beeindruckendes Exempel dafür, zumal ein kommunistischer Agent von ihr behauptet hat, die Töchter Hammersteins hätten sie nach Moskau weitergegeben.

Die Textmontage ist durchzogen von erdachten Interviews mit den verstorbenen Akteuren. Geschrieben mit historischer und sprachlicher Einfühlung, sollen sie die Brücke schlagen über den Abgrund, der uns von den damals Lebenden trennt. Entstanden ist ein literarisches Patchwork, das anfänglich verwirrt, aber vielleicht doch vor allem die Verwirrung der Zeitläufte selbst und die Bewegtheit dessen abbildet, der sie zu vergegenwärtigen versucht.

Enzensbergers Buch ist ein ehrgeiziges Unternehmen, um eine Epoche, die mit ihren Folgen eben erst hinter dem Horizont versunken ist, nochmals zum Ortstermin zu zwingen. Es setzt in gewissem Maße Margret Boveris „Der Verrat im 20. Jahrhundert“ fort, das in den Fünfzigerjahren, noch ganz unter dem unmittelbaren Eindruck der Katastrophen des Jahrhunderts, die individuellen Konfliktlagen im Sog von Diktatur und Ideologien zur Sprache brachte. Dies freilich im Bannkreis eines Denkens in den Kategorien von Staat und Nation. Das sind nicht mehr Enzensbergers Leitvorstellungen. Er argumentiert mit den Personen selbst und ihren Schicksalen, stellt sie nebeneinander, oft lapidar in der Schilderung, aber beklemmend in den von ihnen gebildeten Konfigurationen.

Der deutsche Ernstfall zwischen Weimar und dem Zusammenbruch des Kommunismus nimmt Gestalt an – in einem Familienschicksal, aber auch in der Anstrengung des 78-jährigen Autors, einem Thema gerecht zu werden, das seine Generation in ihren jungen Jahren geprägt hat und dem sie nie ganz entkommen ist. Und dazwischen, sozusagen in den Ritzen, bilden sich Einsichten zur Beschaffenheit von Geschichte aus: zum Beispiel über die unbesiegbare Zähigkeit des Alltags oder die kleinen Zonen einer Zivilgesellschaft, die es auch im „Dritten Reich“ gab und die etwa nach dem 20. Juli das Überleben eines der Hammerstein-Söhne ermöglichten.

Das Zimmer in Hammersteins Diensträumen, in dem Hitler den Generälen seine Pläne bekannt gab, gibt es übrigens noch immer. Es ist – so hat Enzensberger bemerkt – als Teil der Gedenkstätte des deutschen Widerstands dem Scheitern des Umsturzversuchs gewidmet.

Hans Magnus Enzensberger: Hammerstein oder Der Eigensinn. Eine deutsche Geschichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, 376 Seiten, 22,90 €.

H. M. Enzensberger, 78, hat als Lyriker, Schriftsteller und

Essayist die deutsche Literatur geprägt. Er gründete das „Kursbuch“ und gibt seit 1985 „Die Andere

Bibliothek“ heraus.

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