Kultur : Verhaftung Milosevics: Zu Gericht

Stephan Israel

Die graue Fassade des Belgrader Zentralgefängnisses hat den prominenten Gast wie verschluckt. Die neue Unterkunft von Slobodan Milosevic macht einen heruntergekommenen Eindruck. Auf dem Gelände liegen verrostete Autowracks herum, und einige der Scheiben in den Fensterluken der Haftanstalt sind geborsten. Die Zellen, sagen Kenner des Gebäudes, sind alle zum Innenhof ausgerichtet. Es herrscht Totenstille an diesem frühlingshaften Sonntag morgen.

Auf die Ankunft des Untersuchungshäftlings Slobodan Milosevic deutet wenig hin. Neuerdings geht vor dem Hauptportal ein einsamer Polizeibeamter mit Maschinenpistole und gepanzerter Weste auf und ab. Das Team eines internationalen Nachrichtensenders baut außerhalb des hohen Zaunes die Kamera auf, um das neue Domizil des gestürzten Autokraten auf Bild zu bannen.

Aufführung mit erbärmlichem Ende

An der Uzickastrasse Nummer 11, wo Slobodan Milosevic mit Familie bis zuletzt residierte, ist Ruhe eingekehrt. Dutzende von Polizeibeamten halten die Villa im Belgrader Nobelvorort Dedinje abgesperrt. Nach dem dramatischen Vorspiel geht die Verhaftung von Slobodan Milosevic am Sonntag morgen um 04.30 Uhr unspektakulär über die Bühne. Jugoslawiens ehemaliger Präsident wird in einem gepanzerten Fahrzeug mit getönten Scheiben abgeführt.

Kurz bevor der Konvoi mit dem Untersuchungshäftling und Polizeischutz das Gelände verlässt, sind hinter den Mauern rund um die Villa fünf Schüsse zu hören. Die Milosevic-Tochter Marija habe mit einer Pistole um sich geschossen, bestätigte Serbiens Innenminister Dusan Mihajlovic am Sonntag. Die 36-Jährige soll in die Luft gefeuert haben.

Knapp 40 Stunden hat das Drama um die Verhaftung von Slobodan Milosevic gedauert. Die Aufführung ist am Sonntag erbärmlich zu Ende gegangen. Der erste Akt handelt davon, wie die serbischen Justizbehörden dem gestürzten Autokraten Vorladung und Haftbefehl überreichen wollen. Zum Auftakt gibt sich Slobodan Milosevic noch großspurig. Er erklärt, dass er die Institutionen des Staates, der ihn festnehmen will, nicht anerkennt. Die Beamten müssen also unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Einsam in der Villa

Für den Ex-Diktator sind seine Nachfolger Verräter oder Vasallen des Westens, der Serbien vor genau zwei Jahren wegen des Krieges im Kosovo bombardiert hat. Oppositionsführer Milosevic hat im letzten Monat seine Residenz nicht verlassen und auch nicht an den Treffen seiner Sozialistischen Partei teilgenommen. Der einsame Mann hat sich zuletzt ganz in seine Welt zurückgezogen. Es muss eine besondere Gruppendynamik geherrscht haben hinter den Mauern der Villa. Auch Ehefrau Mira, Tochter Marija und die Schwiegertochter mit Enkel haben dort ausgeharrt. Gemeinsam hat man sich bestätigt und Mut zugesprochen.

In der Nacht auf Samstag fährt die serbische Polizei ein Grossaufgebot auf. Fast kommt es zum Konflikt zwischen Armee und Polizei. Die Armee untersteht dem Kommando von Jugoslawiens Präsident Vojislav Kostunica. Die Polizei hört auf Serbiens Premierminister Zoran Djindjic. Die Armee stellt die Einheit, welche die Residenz des Autokraten bewacht. Die Polizei kommt, um den prominenten Verdächtigen abzuholen. Kostunica ist bekannt dafür, dass er die Abrechnung mit der Vergangenheit gemächlich angehen will. Es fällt das böse Wort von der "revolutionären Justiz".

Im Konflikt zwischen den Rivalen Kostunica und Djindjic wird eine neue Episode geschrieben. Der Premierminister drängt mit Blick auf die dringend benötigte internationale Hilfe auf Tempo. Kostunica, der Bremser, lässt die Armeeeinheit am Wochenende nur widerwillig abziehen.

Auch der zweite, diesmal gewaltsame Versuch, Milosevic zu holen, scheitert. In den Scheinwerfern der Fernsehkameras versuchen Männer einer Sondereinheit der Polizei, die Mauern um Villenkomplex zu stürmen. Sie tragen schwarze Skimützen mit Löchern für Augen und Mund. Nach einem Schusswechsel mit Verletzten wird die Übung abgebrochen. Er werde nicht lebendig ins Gefängnis gehen, droht Slobodan Milosevic mit anhaltend erbittertem Widerstand. Der Drahtzieher von vier Balkankriegen rüstet verzweifelt zur letzten Schlacht. Der einst so zugeknöpfte Herrscher gewährt wie wild surrealistische Telefoninterviews und gibt Auskunft über seinen unverändert optimistischen Gemütszustand: "Im Moment trinke ich hier mit meinen Freunden Kaffee, und es geht mir sehr gut."

Hinter den Kulissen des Spektakels läuft die fieberhafte Suche nach einem friedlichen Ausweg. Vertreter der Regierung verhandeln mit Repräsentanten der Sozialisten, und am Ende des Tages scheint klar, dass die Partei kapituliert und ihr ehemaliges Idol fallen lässt. Jugoslawiens Präsident Kostunica und Serbiens Premier Djindjic kommen zu einem Krisengipfel zusammen. Drei Stunden lang wird an einer Mitteilung gefeilt, mit der nach chaotischen Stunden Einheit demonstriert werden soll. Im staatlichen Fernsehen, einst Propagandamaschinerie des Autokraten, werden gleichzeitig die ersten Nachrufe und Filmausschnitte der letzten Milosevic-Jahre gezeigt: Milosevic, der charismatische Redner vor Millionenpublikum auf dem Amselfeld, Milosevic bei Sitzungen mit den Präsidenten der anderen jugoslawischen Teilrepubliken, später die Bilder von den Kriegen in Slowenien, Kroatien und Bosnien.

Am Sonntag, wenige Stunden nach der Festnahme, sollte Untersuchungshäftling Slobodan Milosevic im Belgrader Zentralgefängnis ein erstes Mal dem Richter vorgeführt werden. Sein Klient habe sich dem Verhör freiwillig gestellt, behauptet Verteidiger Toma Fila. Und Milosevic werde seine Unschuld beweisen können. Milosevic wird nicht als mutmasslicher Kriegsverbrecher befragt werden, wie es das Haager UN-Tribunal gern tun möchte. Slobodan Milosevic kommt in Belgrad als "gewöhnlicher Krimineller" vor Gericht. Serbiens einst mächtigstem Mann werden vorerst "nur" Amtsmissbrauch und Korruption vorgeworfen.

Immerhin um umgerechnet mehr als 250 Millionen Mark soll Milosevic zusammen mit Statthaltern den Staat erleichtert haben. Für viele in Serbien ist dies nur die Spitze des Eisberges. Das Spektakel von Dedinje ist wie ein Spuk zu Ende. Belgrad an einem Sonntag, ein fast ganz normaler Frühlingstag. Untersuchungshäftling Slobodan Milosevic wird Serbien jedoch noch eine Weile beschäftigen.

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