Kultur : Verhindertes "Schuh-Attentat": Er wollte ein guter Schüler sein

Matthias Thibaut

Den Kritikern der US-Luftaufsichtsbehörde (FAA) schwant bereits Böses. Nach dem verhinderten Attentat im American Airline Flug 63 von Paris nach Miami wollten sie in erster Linie der FAA Vorwürfe machen: Sollte aber die Annahme des FBI Bestätigung finden, dass der festgenommene Attentäter über Komplizen verfügte, die ihm bei der Präparierung der Schuhe mit Sprengstoff halfen, wissen auch die Nörgler: "Dann ist es reines Glücksspiel, ob ein weiterer Anschlag dieser Art gelingt oder nicht."

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Und danach sieht es aus. Nach Berichten des US-Senders NBC soll der 28-jährige Richard Reid alias Abdel Rahim sogar in afghanischen Terror-Camps der Al Qaida trainiert worden sein. Gefangene Al-Qaida-Kämpfer hätten ihn auf Fotos erkannt, die ihnen von US-Geheimdienstagenten gezeigt worden seien, berichtete der TV-Sender am Mittwoch. In Bezug auf das vereitelte Attentat in der Passagiermaschine auf dem Flug in die USA sagte ein Agent dem Sender, "Reid hat offensichtlich seine Sache nicht gut gelernt". Ein Sprecher des Pentagon erklärte allerdings, er wisse nicht, ob in Afghanistan einsitzenden Bin-Laden-Anhängern Fotos von dem 28-Jährigen vorgelegt worden seien.

Richtig ist zumindest, dass Reid aus einem Umfeld kommt, in dem sehr viele radikale Moslems zu Hause sind: Großbritannien. "Bis zu 1000 gewaltbereite radikale Moslems gibt es bei uns", von denen "mindestens 100 bereit sind, Selbstmordattentate zu verüben", sagte am Mittwoch der Vorsitzende der Moschee in Brixton, an der der "Schuhbomber" erste Unterweisungen im Islam erhalten hat. Und schreckte die Briten mit dieser Erklärung aus dem Weihnachtsfrieden. "Es sind relativ wenige, die so radikale Ansichten verbreiten. Aber in den letzten Jahren hat ihre Zahl erschreckend zugenommen", sagte Abdul Haqq Baker von der Moschee im Londoner Stadtteil Brixton der BBC.

Andere britische Moslems wie der Bradforder Labourabgeordnete Ali Mahmud wiesen die Stellungnahme Abdul Haqq Bakers als "übertrieben" zurück. Sie räumten jedoch ein, dass an manchen britischen Moscheen junge Muslime durchaus einer "Gehirnwäsche" unterzogen würden. "Deshalb sind die neuen Antiterrorismusgesetze der Regierung gerechtfertigt", sagte Mahmud.

Gleich gegenüber der Polizei

Überrascht war in London niemand, dass mit dem 28-jährigen Richard Reid ein weiterer Terrortäter aus dem Dunstkreis radikalisierter Londoner Moscheen hervorging. Eher überraschte, dass die Spur in die Moschee von Brixton führte, ein unscheinbares Reihenhaus in der Nähe der Untergrundstation gegenüber dem Polizeirevier. Bei radikalen Moscheen wie der Finsbury Park Moschee des berüchtigten Imam Abu Hamza steht die Brixton Moschee eher im Ruf, einen "halbgebackenen Kuckucksheim Islamismus" zu lehren, meinte ein Sprecher Hamzas verächtlich.

Doch mindestens drei Terrorverdächtige haben die Moschee besucht: Neben dem 28-jährigen Richard Reid auch Zacarias Moussaoui, ein Franzose, der in den USA wegen mutmaßlicher Beteiligung an den Anschlägen vom 11. September verhaftet wurde und Shahid Butt, ein Muslim aus Birmingham, der im Jemen verhaftet wurde, weil er eine christliche Kirche zerstören wollte.

Ohne öffentliche Gerichtsverfahren

Reid, der wegen Straßenraub eine Jugendstrafe verbüßte, gehört zu einer offenbar nicht unbeträchtlichen Zahl von Briten multikultureller Abstammung, die im Gefängnis zum Islam bekehrt werden. "Wir haben viele Konvertiten und Ex-Häftlinge. Sie kommen, wegen der Jugendlichkeit und dem Multikulturalismus in dieser Moschee", sagte Baker in einem Interview mit der "Times". Reid, Sohn einer Inderin und eines Jamaikaners, begann nach seiner Haftentlassung mit dem Besuch der Moschee in Brixton. Er ließ sich einen Bart wachsen, trug Kaftan und nahm Arabisch-Unterricht. Dabei erzielte er so gute Fortschritte, dass er von seinem jüngsten Besuch in Pakistan offenbar Briefe in arabisch schreiben konnte.

Dass er bei dem versuchten Flugzeugattentat allein handelte, will zumindest Baker ausschließen. Dazu habe er nicht die Fähigkeiten gehabt, sagte er der "Times". "Er war ein Testfall. Wenn er Erfolg gehabt hätte, es hätte wenig Spuren gegeben, die zeigen, wie es passiert ist", so Baker.

London gilt seit langem als ein Zentrum des islamischen Extremismus. Radikalen Predigern wie Abu Hamza wird vorgeworfen, junge Muslime zu radikalisieren. Der Kleriker Sheik Abu Qatada, der bis vor kurzem in London weitgehend unbehelligt von der Sozialhilfe lebte, steht im Verdacht, die Al-Qaida-Fäden in Europa in Händen zu halten. Doch dürfte er inzwischen auf Grundlage der neuen Antiterrorismusgesetze inhaftiert worden sein.

Auf ihrer Grundlage hat der britische Innenminister kurz vor Weihnachten eine Handvoll verdächtiger Personen festnehmen lassen. Ihre Identität wird nicht bekannt gegeben, öffentliche Gerichtsverfahren gibt es nicht. Doch wurden die Festnahmen mit konkreten Hinweisen auf extremistische Gewaltakte begründet. London folgt mit seiner neuen Gesetzgebung dem Beispiel Frankreichs: Dort steht im Zweifelsfall die Sicherheit seit langem schon vor den strengen Gepflogenheiten der Rechtsstaatlichkeit.

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