Kultur : Verhüllt, verplant, verzogen

Spiel auf Zeit: In einer Stadt, die nicht weiß, was aus ihr werden soll, dominiert nomadische Architektur

Kai Müller

Es brauchte 770 Jahre, um Berlin aufzubauen. Ob es genau so lange dauern wird, damit weiter zu machen? Denn die Stadt schrumpft und alles, was derzeit zum Erfolgsmodell wird, ist nur als Übergangslösung gedacht. Es wird aufgebaut, um bald wieder abgebaut zu werden: die MoMA- Schau, das Badeschiff, das Tacheles, die Bar jeder Vernunft, Info-Box, Schloss-Simulation und Tempodrom. Und die temporäre Kunsthalle. Mit Gebäuden wird umgegangen wie früher mit Gastarbeitern: Man geht davon aus, dass sie wieder verschwinden, und wundert sich, dass sie es nicht tun. Nichts scheint den Berliner so sehr anzuziehen wie etwas, dessen Untergang beschlossen ist. So wurden die Nächte im abrissfertigen Palast der Republik zum Tanz auf dem Vulkan. Die Einstürzenden Neubauten gaben in dem entkernten Gehäuse eines ihrer besten Konzerte. Theater- und Kunst- Events lösten einander in rasender Folge ab. Die Begeisterung darüber verdankte sich auch dem Umstand, dass es einmalig war, wie alles, das zum letzten Mal geschieht.

Allerdings: Was ist schon beschlossen? Der politische Durchsetzungswille in Berlin ist in die Defensive geraten, seit die öffentlichen Kassen leer sind. Langatmige Planungsphasen sind die Folge, in denen auf eine Wertsteigerung der Grundstücke spekuliert wird oder sich für stadtplanerische Initiativen keine Mehrheiten finden lassen – begleitet von wetterfühligen Nutzungsdebatten, wie die Schlossdiskussion zeigt. Wie lange hat es gedauert, bis die Idee einer – zumindest äußerlichen – Rekonstruktion des Hohenzollernschlosses sich durchgesetzt hat? Nun mag das Filetstück in der Stadtmitte ein besonders symbolischträchtiger Ort sein. Doch die Probleme sind offenkundig: Der Staat wartet ab.

In dieses Zeitfenster stoßen seit der Wende Jahre so genannte kapitalschwache „Zwischennutzer“. Ihnen werden Brachen, tote Häuser und Industrie- Kadaver überlassen, für die die öffentliche Hand keine Verwendung mehr hat. Die Stadt wälzt so die Folgekosten ihres eigenen obsoleten Masterplans auf jene ab, die sich in dem prekären Umfeld neu einzurichten wissen. Doch werden Zwischenlösungskonzepte nicht von den Stadtplanungsbehörden initiiert. Sie entstehen konfus, ungeplant und setzen gegen die Behäbigkeit des staatlichen Apparats auf die Sogkraft des Events.

In einer Stadt, die nicht weiß, was aus ihr werden soll, dominiert die nomadische Architektur. Zelte, Baracken, Container und Bauwagenkolonien stehen für eine geistige Mobilität, die keinen verlässlichen Boden mehr vorfindet, um sich niederzulassen. Dazu passt, dass entlang des innerstädtischen Spreeufers überall Sand angekarrt und eine Art urbane Strandlandschaft aufgeschüttet worden ist.

Die Party-Szene der Hauptstadt wäre nicht denkbar ohne den Kitzel des Transitorischen, der Clubs wie das WMF, das Cookies und 103 immer wieder auf Wanderschaft schickt. Denn Mobilität ist in Berlin auch mit der Idee verknüpft, einen Club als Rauminstallation zu begreifen. Der Ort wird zum Kunstwerk umfunktioniert. Sobald sich die ästhetische Kraft des Interieurs verbraucht hat, wird nach einer neuen Leerstelle gesucht, die mit Lichtspielen, Dia-Projektionen und Bar-Situationen umdefiniert werden kann. Nicht von Ungefähr heißt Martin Eberles denkwürdiger Fotoband, der Innenräume und Eingangstüren dieser untergründigen Nachtleben-Architektur festhält, „Temporary Spaces“ – Räume auf Zeit. Nur in Berlin haben ständige Standortwechsel eine solche subkulturelle Eigendynamik entwickelt. Sie sind ein Zeichen von Qualität.

Das entspricht dem Lebensgefühl einer Generation von urbanen Bohemiens, die mit dem Wort „Dauer“ nur ein Sinken des Lebensstandards verbindet, also lieber gar nicht erst an später denkt. Als Akteure des Strukturwandels verwandeln sie die Stadt in einen imaginären Campingplatz und forcieren so Eigenschaften wie Anpassungsfähigkeit. Indem sie, während private Investoren an jeder Straßenecke ihre Büropaläste hochziehen, sich in die Zwischenräumen einnisten, Galerien, Wohnbüros oder Designer-Läden eröffnen, eignen sie sich Strategien der Hausbesetzerszene an. Besitzen ohne zu nutzen wird zu Nutzen ohne zu besitzen. Doch nimmt die Flüchtigkeit dieses Treibens dem Piratenakt seine bedrohliche Seite. Im Gegensatz zu den ideologisch intonierten Hausbesetzungen der achtziger Jahre, werden keine Ansprüche erhoben. Häuserkämpfe werden nicht geführt. Denn es handelt sich um Aneignungen, die wie ein Test sind.

So bilden internationale Geldströme und mittellose Bohemiens ein einträchtiges Paar. Beide eignen sich vorübergehend Immobilien an, um sie bald wieder abzustoßen – wobei die einen Geld verdienen und die anderen symbolisches Kapital anhäufen; die Taktik der Hausbesetzer wird zur Kulturtechnik.

Den theoretischen Nucleus dieser Entwicklung bildet seit 2001 eine TU-Forschungsgruppe namens Urban Catalyst. Sie untersucht „Strategien temporärer Nutzung“ und wurde bekannt für ihre Wiederbelebungsinitiative des Palasts der Republik. Davor hatte schon die vorübergehende Besiedelung des Hauses des Lehrers für Furore gesorgt. Bis zur Sanierung des denkmalgeschützten Hochhauses direkt am Alexanderplatz durften sich dort Künstler, Musiker und andere Kreative einmieten. Die breiten Flure, die jeden Privatinvestor abgeschreckt hätten, erwiesen sich nach Auskunft von Urban-Catalyst-Vordenker Philipp Oswalt als eigentlicher Vorteil. Dort fanden die Begegnungen statt, die das parzellierte Gebäude zur sozialen Einheit verschmelzen ließen.

Solche Erfolgsgeschichten tragen zu einer „Eventisierung der Stadtplanung“ bei. Auf dem Schlossplatz eine „Humboldt-Box“ errichten zu wollen, unterscheidet sich da nicht von einer temporären Kunsthalle, wie sie nun als „White Cube“ realisiert wird. Die primitive Struktur – ein Stahlgerüst, das mit einer Fassadenplane behängt wird – ist an einen bestimmten Ort gar nicht mehr gebunden. Nach demselben Muster wurde während der Fußballweltmeisterschaft vor dem Reichstag ein provisorisches Stadion aufgestellt – als Gebäude-Imitat. Derlei Hüllenbauten sind nicht mehr zu unterscheiden von Baugerüsten, die über Monate und Jahre hinweg wirkliche Gebäude verschlucken. Mutter allen Immobilienzaubers war Christos Reichstagsverhüllung.

Hätte das Tempodrom ein Zelt bleiben sollen? Der finanzpolitische Skandal, der seine Betonierung 2002 begleitete, lastet noch heute auf dem Spitzdach. Auf die Sesshaftwerdung folgte die Insolvenz .

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben