Kultur : "Verklärte Nacht": Nichts zu lachen

Sybill Mahlke

Wie viele seiner Zeitgenossen hat Arnold Schönberg dem Lyriker Richard Dehmel höchste Verehrung entgegengebracht. Nicht weniger als den "neuen Ton" verdanke er ihm: "Ihre Gedichte haben auf meine musikalische Entwicklung entscheidenden Einfluss ausgeübt." Oberflächlich betrachtet, gehört Schönbergs "Verklärte Nacht", als Streichsextett komponiert und später vom Komponisten für Streichorchester gesetzt, der Hochromantik an. Im Bann des "Tristan" nimmt die Musik das Pathos des Dichters von kosmischer Hingabe auf, indem sie expressiv auf Dehmels Gefühlspoesie antwortet: "Das Kind, das du empfangen hast, sei deiner Seele keine Last", spricht der Mann. Das Kind eines anderen. Die hohe Liebe unterm Sternenhimmel, das schimmernde Weltall würden dieses fremde Kind zu seinem eigenen machen. Es ist ein Abenteuer, rückblickend die Begeisterung für Dehmel nachzuempfinden. Was aber bleibt, stiftet die Komposition. Mit ihrer Alterationsharmonik, den melodischen Sprüngen, den Klanggesten enthält sie Elemente im Keim, die den späteren Schönberg ausmachen.

Während sich weitere Kreise des Deutschen Symphonie-Orchesters unter ihrem Chef Kent Nagano in Paris mit einer Uraufführung von John Adams befassen, ist eine kleine, keineswegs schäbige Besetzung in Berlin geblieben, um in der Philharmonie ihre Pflicht für die Abonnenten zu erfüllen. An der Orchesterleistung ist bei der "Verklärten Nacht" im Wesentlichen nichts auszusetzen. Die Streicherkultur hat sich unter dem Konzertmeister Hans Maile nach der chefdirigentenlosen Zeit wieder konsolidiert. Woran es der Aufführung mangelt, ist ein Dirigent, der den "neuen Ton" sucht.

Der Österreicher Christian Gansch dirigiert aus den Schultergelenken und breitet immerfort die Arme aus, ohne dem Stück als prägender Interpret zu begegnen. Mozarts Konzert C-Dur KV 467 spielt die Pianistin Momo Kodama mit geläufigen Fingern und zierlicher Unbeirrbarkeit.

Offenbar aus weihnachtlichen Gründen steht die D-Dur-Ouvertüre BWV 1069 auf dem Programm, weil Johann Sebastian Bach deren ersten Satz in einer Kantate zu Feria 1 Nativitatis Christi verwendet hat. Da der Maestro Gansch nicht gerade detailversessen ist, wird eine Rohbau-Fassung ohne Eigenschaften vorgeführt. Bei dem Gedanken an "Unser Mund sei voll Lachens" kommt freilich die Frage auf, ob solche laufenden Meter Barock geeignet sind, Festfreude zu verbreiten.

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