Kultur : Verkrachte Existenzen

Der schönste Lärm der Welt: Sonic Youth geben im Berliner Postbahnhof ein berauschendes Konzert

Gerrit Bartels

Schaut man sich J. Mascis so an, könnte man einen bösen Gedanken kommen: Sonic Youth baten ihn nur deshalb, das Vorprogramm ihres einzigen Deutschlandkonzerts im Berliner Postbahnhof zu bestreiten, um danach umso jugendlicher, strahlender und energischer zu wirken. Mascis sitzt mit seiner Gitarre auf einem Schemel und sieht aus wie ein altes Waschweib. Langes, fast gänzlich graues Haar umweht sein ungut aufgedunsenes, von einer Kassenbrille dominiertes Gesicht. Sehr weit in den Vierzigern kann Mascis eigentlich nicht sein, doch um sein Outfit hat der Musiker aus Boston sich schon in jungen Jahren nicht groß gekümmert, als er mit seiner Band Dinosaur jr. Ende der achtziger Jahre lange vor Nirvana zu den Helden des Grungerocks gehörte.

Es ist gepflegter, strukturierter Krach, den Mascis aus seiner Gitarre und seinem Verstärkerpedal herausholt: Dinosaur jr. solo, aber nicht unplugged, mit mehr als einer Ahnung von Crazy Horse – Musik, ein ideales Aufwärmprogramm für die Show der New Yorker Underground-Rockband Sonic Youth. Mascis’ Gesangsparts erinnern aber auch daran, dass Dinosaur-jr.-Songs bei allem Krach immer auch gefühlig waren, und das unterscheidet sie beim Wiederhören erheblich von alten Sonic-Youth-Stücken.

J. Mascis beschwört sentimentale Erinnerungen herauf. Sonic Youth dagegen legen es mit ihrer Form von Rock seit 25 Jahren darauf an, keine Gefühligkeit, keine Sentimentalitäten aufkommen zu lassen. Bei Sonic Youth gibt es nichts Klebriges, bei ihnen klingt jede Melodie ruppig, hat jedes Ornament einen Widerhaken, ist Schönheit nie ohne Kehrseite denkbar. So ist es kein branchenüblicher Trick, das Publikum mit einem Klassiker in Stimmung zu bringen, als Kim Gordon, Thurston Moore, Lee Renaldo, Steve Shelley und ihr Neuzugang am Bass, Mark Ibold, auf die Bühne kommen und mit dem 88er-Hit „Teenage Riot“ das Konzert beginnen. Der Song wirkt frisch und neu und integriert sich gut in ein Konzert, dessen Rückgrat das aktuelle Sonic-Youth-Album „Rather Ripped“ bildet.

Es ist ein in sich geschlossener Gig, den Sonic Youth in der Gleishalle spielen. Alles wirkt wie aus einem Guss, manche Songs schweifen zwar aus und enthalten weniger dissonant als monoton vor sich hinschreddernde Instrumentalpassagen, runden sich aber immer zu einem würdigen Abschluss. Dass es anders geht, dass Krach und Dissonanzen der Nährboden für Sonic Youth seit ihrer Bandgründung 1981 sind, das beweist die Band nur kurz, gleich nach „Teenage Riot“. Da scheint es noch Probleme mit der Soundmischung zu geben, und so lassen Moore und Renaldo ihre Gitarren einen eher albernen Kampf über ihren Köpfen ausführen.

Sonic Youth wussten immer, was sie ihrem Publikum schuldig sind, wussten, dass sie es mit ihrer Hauptmarke „Sonic Youth“ nicht zu weit treiben durften in Sachen Kunst und Avantgardesein – zum Austoben haben sie ihre Postrock-Freejazz-Seitenprojekte. Also spielen sie an diesem Abend viele neue Stücke, potentielle Rock-Hits wie „Incinerate“, „Reena“ und „Lights Out“, in denen Gitarrenplinkerplinker, Feedbacks und Refrains genau aufeinander abgestimmt sind, mischen diese mit älterem, zugänglicheren Material, das sich oft nur schwer bestimmten Alben der Band zuordnen lässt: Sonic Youth werden zwar wegen ihres Alters gern als die Underground-Variante der Rolling Stones bezeichnet, aber anders als bei Stones- oder auch Dylan- Konzerten geht es nie darum, welche Stücke sie wie spielen. Alben wie Konzerte gehorchen immer einem Gesamtkonzept.

Nichtsdestotrotz kann man einiges aus diesem Konzert herauslesen: Ein Uraltsong wie „Sister“ scheint dem ältlichen Publikum nicht mehr so viel zu sagen, auch ein Song jüngeren Datums – der letzte vor den Zugaben – „Wildflower Soul“, wird eher teilnahmslos hingenommen. Ganz anders wiederum als das umjubelte Bollerstück „100%“ von „Dirty“. Mit diesem Album wurden Sonic Youth im Gefolge von Nirvana auch einem Mainstream-Publikum bekannt, doch führte es die Band auch in eine Schaffenskrise mit einigen verzettelten, unentschlossenen und den eigenen Verfallsprozess zwar bewusst, aber lustlos inszenierenden Alben.

Die Krise haben Sonic Youth lange überwunden, sie zeigen sich als kontingente, stets gegenwärtige Band. Ein spielfreudiger Thurston Moore, ein nicht weniger spielfreudiger Lee Renaldo vorne an den Gitarren, ein Mark Ibold (früher bei den Indie-Rock-Helden Pavement), der am Bass nicht weiter auffällt, und eine überzeugende, ewig jugendliche, mitunter an Patti Smith erinnernde Kim Gordon am Mikrofon und nur manchmal am Bass. Die neuen Stücke erlauben es Gordon, ausschließlich zu singen, verleiten sie aber auch zu längeren Tanzeinlagen in ihrem glamourös rosaviolett schimmernden Lackkleidchen. Zunächst haben diese Einlagen was von heiterer Ungezwungenheit. Später aber wirken sie ein wenig wie sportiver Ausdruckstanz, so als habe Gordon tatsächlich Stunden genommen.

Das aber ist der einzige Schönheitsfehler des Auftritts, den Sonic Youth mit einer hübsch widerständigen Geste beschließen. Als die Lichter angehen, Teile des Publikums sich auf den Weg machen und kein Bier mehr ausgeschenkt wird, kehren sie noch einmal zurück, von Veranstaltern oder Fritz-Club-Parties haben sie sich noch nie die Dramaturgie ihrer Konzerte vorschreiben lassen. „Cool Thing“ heißt das Stück, das Sonic Youth zum Abschluss spielen, und das passt wunderbar zu diesem großartigen Konzert.

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