Kultur : Verlag Volk & Welt: Wenn sich Dornröschen nicht mehr küssen lässt

Gregor Dotzauer

Sein letzter Arbeitstag bei Volk & Welt am nächsten Montag wird wie eh und je beginnen. Dietrich Simon, der Geschäftsführer, wird Kaffee kochen und um acht am Schreibtisch sitzen: aus alter DDR-Gewohnheit, Pflichtgefühl und Leidenschaft. Am 1. Mai, wenn der Berliner Verlag dann in das Koma hinüberdämmert, das ihm sein Eigentümer, der Anwalt Dietrich von Boetticher, und Gerald J. Trageiser, der Geschäftsführer des wirtschaftlich stärkeren Schwesterverlags Luchterhand in München verordnet haben, wird Simon vielleicht ein paar melancholische Gedanken an die vergangenen sechs Jahre verschwenden und auch noch einmal ruhmreichere Zeiten im real existierenden Sozialismus Revue passieren lassen. Aber schon am 2. Mai, wenn er eine Landpartie unternehmen könnte, wird er wieder um acht am Schreibtisch sitzen. Die Übersetzung von Slavoj Zizeks Buch "Die Angst vor echten Tränen", das als einer von drei Nachzüglertiteln zusammen mit Romanen von Stephan Krawczyk und Daniil Granin im Herbst unter dem alten Verlagsnamen erscheint, braucht einen sorgfältigen Lektoren.

Und danach? Erst danach ist alles offen: für ihn, für die Lektorin Christina Links und für einige Autoren, über deren Verträge bis Ende August entschieden wird. Ulrike Draesner hat bereits zu Luchterhand gewechselt. Auch der Rumäne Mircea Cartarescu, ein großartiger, aber schwer verkäuflicher Lyriker, Romancier und Essayist, der idealtypisch für das osteuropäische Profil des Verlages stehen könnte und vor wenigen Tagen als DAAD-Stipendiat nach Berlin gekommen ist, wird mit seinem Roman "Orbitor" demnächst bei Luchterhand erscheinen. Andere werden sich wohl oder übel auszahlen lassen müssen. Was aber ist mit Viktor Pelewin, dem Star des russischen Programms? Er hat im Moment kein neues Manuskript. Und wenn er eines hat, wird seine New Yorker Agentur entscheiden, wo es am besten und gewinnbringendsten aufgehoben ist. Das Vertrauensverhältnis zu den Autoren, auf das sich Volk & Welt zu Recht etwas zugute gehalten hat, entscheidet nicht immer.

Das beste Beispiel sind zwei deutsche Autoren. Thomas Brussig, sozusagen das Filetstück aus der Konkursmasse, weil er als einziger wirklich Geld brachte, schreibt jetzt bei S. Fischer, trug sich aber wohl schon länger mit dem Gedanken, bei einem großen Verlag unterzuschlüpfen. Auch der Wechsel von Steffen Kopetzky, des literarisch interessantesten deutschen Autors, zu Eichborn.Berlin hatte mehr mit allgemeinen Spannungen zu tun als mit einer Flucht vor einem im Backlist-Schlaf erstarrenden Verlag.

Für die große kulturkritische Brandrede, die manche nach dem angekündigten Aus für Volk & Welt angestimmt haben, reicht das nicht. Dietrich von Boetticher mag sich allzu leichtfertig Hoffnungen auf schwarze Zahlen gemacht haben, und Dietrich Simon mag den einen oder anderen überflüssigen (deutschen) Titel verlegt haben: Im Grunde sind Leben und Sterben des Verlages business as usual, und vor allem: eines, in dem sich andere literarische Verlage mit Erschrecken selbst erkennen müssten. Denn mehr als ein Symbol für den Untergang einer DDR-Tradition, von der zur Zeit der Wende die Ostler am allerwenigsten wissen wollten, ist das Ende von Volk & Welt ein Indikator dafür, wie weit literarische Bedeutung, kritische Resonanz und Leseverhalten auseinander klaffen. Über Zahlen will Gerald J. Trageiser zwar nicht sprechen, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass auch Verlage wie Suhrkamp oder Hanser selbst bei literarischen Meilensteinen damit rechnen müssen, dass es billiger sein könnte, die Sekretärin mal eben zum Kopierer zu schicken als eine himmelsstürmerische Auflage von 1000 Exemplaren anzupeilen. Es sollte nur kein Geheimnis bleiben.

In der Diskussion um kulturelle Werte und wirtschaftliche Tragfähigkeit müssen alle Beteiligten mit offenen Karten spielen: die Sanierer wie die Lamentierer. Sonst lässt sich nicht beurteilen, wo schlicht ökonomische Unvernunft herrscht und wo blindes Profitmaximierungsstreben, wo förderungswürdiger Enthusiasmus und wo fruchtloses Bemühen um eine nicht existierende Öffentlichkeit. Die Buchbranche ist, wie Dietrich Simon sagt, sicher ein letzter Hort der nicht durchrationalisierten Produktion, weshalb auch mit Personal anders umgesprungen wird als in der so genannten freien Wirtschaft. Auf diese Unvernunft muss man bauen - ohne sie anderen aufzubürden. Um künftig Oleg Jurjew zu verlegen oder Dmitri Bakin, der schon weiß, warum er in Moskau Taxi fährt, müssen (und werden) sich irgendwo anders ein paar Wahnsinnige finden - vielleicht auch um den Preis der Selbstausbeutung. Es kann auch sein, dass in Deutschland, wie Simon erwartet, die Universitäten künftig eine stärkere Rolle spielen. Die öffentliche Hand jedenfalls wird kaum helfen, und Mäzene haben nur die wenigsten. Jochen Jung, der beim Salzburger Residenz-Verlag eines der spannendsten Programme im deutschsprachigen Raum gemacht hat, aber sehenden Auges in den wirtschaftlichen Ruin ging, bis er gechasst wurde, verjubelt mit seinem Verlag Jung + Jung nun das Erbe seiner Frau. Das ist wunderbar - solange alle einverstanden sind.

Lichtblick am Rande: Nächste Woche eröffnet - in der Kanzlei Dietrich von Boettichers in der Friedrichstraße - das Berliner Büro des Luchterhand Verlags. Kein Trost, aber ein Zimmer mehr für die Literatur.

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