Verlage : Kanon und Kanonen

Streitlust, Geldnot, Mut - das waren die Konstanten. Ein linker Verlag, der mit Klassikern berühmt wurde: die Ausstellung "40 Jahre Stroemfeld/Roter Stern" in Frankfurt am Main.

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Durch die Institutionen marschiert. Verleger Karl Dietrich (KD) Wolff.
Durch die Institutionen marschiert. Verleger Karl Dietrich (KD) Wolff.Foto: dpa

Eines stand für Klaus Theweleit fest: „Die ,Männerphantasien‘ werden nicht grün.“ Um die Umschlagfarbe für den bis heute größten Erfolg des Verlags Stroemfeld/Roter Stern wurde 1977 in einer Villa im Frankfurter Nordend gerungen. Verlagsleiter KD Wolff war zuvor Lektor in Jörg Schröders legendärem März-Verlag gewesen, wo alle Bücher in Gelb erschienen – bei ihm sollte es Grün sein, die Komplementärfarbe zum Roten Stern, der 1993 in Konkurs ging. Der Kulturtheoretiker Theweleit, der wie der SDS-Vorsitzende Wolff zur Freiburger Gruppe des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) gehörte, setzte sich schließlich durch: Auf dem Einband seines epochemachenden Buches prangte eine Lok auf dem Hindenburgdamm und beendete damit die grüne Ära der Anfangsjahre, wie sie die Besucher am Eingang der Ausstellung „40 Jahre Verlag Stroemfeld/Roter Stern“ empfängt.

Doch der Stern ist gesprengt, seine Linien sind aufgebrochen und passierbar. Gut 500 Bücher aus dem Verlagsprogramm stehen auf hellen Regalen, können in die Hand genommen und gelesen werden – eine basisdemokratische Revolution für Literaturausstellungen, wie sie dem Stroemfeld’schen Geist entspricht. Die gastgebende Deutsche Nationalbibliothek habe ihre Bestände dafür nicht freigeben wollen, so Wolff. Deshalb entsandte er drei tapfere Volontärinnen in eine Scheune nach Preungesheim, um die Belegexemplare zu entstauben. Sie förderten Schätze wie die Studien zur Märzrevolution des Freiburger Historikers Erhard Lucas zutage oder die gesammelten Werke des Berliner Religionswissenschaftlers Klaus Heinrich. Mit Georg K. Glasers Autobiografie „Geheimnis und Gewalt“ und Otto Mainzers „Prometheus“ seien nur zwei Meilensteine der Exilliteratur genannt. Blättern lässt sich ebenso in den Werken des „wilden Analytikers“ Georg Groddeck (1866–1934), in Klassikern der Filmtheorie oder in „Trieb und Feder“ der Philosophin Eva Meyer.

„Ich mag dich“ bekannte Wolff 1978 in seinem ersten Brief an Peter Kurzeck, den er damit instinktsicher im Verlag willkommen hieß. Ausstellungsmacher Boris Banozic ermöglicht zwischen den Regalen die Konzentration auf Vitrinen mit Briefwechseln und Devotionalien wie dem Bundesverdienstkreuz am Bande. Widerstrebend hatte es KD Wolff, gegen den seit der Studentenbewegung 38 Strafverfahren liefen, schließlich doch angenommen. Ein denkwürdiger Marsch durch die Institutionen für einen, der einst Gudrun Ensslin im Gefängnis besuchte und als Verleger mit den Kampfschriften der Black Panther debütierte. Als Austauschschüler hatte er ein Jahr in den USA verbracht, machte sich aber während des Vietnamkriegs nachhaltig unbeliebt. Zeitweise hatte er Einreiseverbot, 2009 wurde ihm erneut ein Visum verweigert, wie sein Pass mit dem „Canceled“-Stempel beweist. Die Posse soll nun mit einem Stipendium in Wisconsin ihr Happy End finden.

Streitlust und vehement in der Öffentlichkeit beklagte Geldnot sind zwei Konstanten des kleinen Verlags, der seit dem 1. September 1970 nicht nur linke Geistesgeschichte schrieb. Denn paradoxerweise wurde Stroemfeld mit seinen Standbeinen in Frankfurt und Basel zu einer der ersten Adresse der Editionskultur von Klassikern. Sie nahm mit der 33-bändigen Frankfurter Hölderlin-Ausgabe (FHA) 1975 ihren Anfang. Initiiert hatte sie D. E. Sattler, ein Grafiker, gesetzt wurde der Einleitungsband auf einem IBM-Composer 82. Er ist ebenso zu sehen wie Hölderlins anrührend kleiner Tisch aus dem Tübinger Turm. „Wir versuchen, ein Stückchen literarische Tradition zu retten, die diese Gesellschaft längst aufgegeben hat“, sagt KD (Karl Dietrich) Wolff zu seinen Editionen, von Heinrich von Kleist über Karoline von Günderrode, von Kafka bis Gottfried Keller und demnächst Robert Walser. Der Herausgeber Roland Reuß zog bei der Eröffnung ein vernichtendes Fazit: „Es ist symptomatisch für die Schwundstufe der literarischen Öffentlichkeit, dass sie ihr Bestreben darauf richtet, Büchertitel bei Google gelistet zu sehen.“

Über den Köpfen flattern rosa Transparente mit Zitaten aus Friedrich Hölderlins Handschrift. Aus einer seiner Notizen stammt auch das Ausstellungsmotto „Tende Strömfeld Simonetta“. Ein Texträtsel, dessen Zauber hoffentlich noch lange anhält.

Bis 4. 9., Deutsche Nationalbibliotkek Frankfurt/Main, Infos: www.d-nb.de

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