Kultur : "Verlage ohne Verleger": Die Axt im Eis

Joachim Unseld

"Verlage ohne Verleger" heißt André Schiffrins viel diskutiertes neues Buch über die Zukunft des Buchmarkts. Dazu äußerten sich bisher im Tagesspiegel die Verleger Klaus Wagenbach und Egon Ammann. Mit dem Beitrag des Leiters der Frankfurter Verlagsanstalt endet unsere Serie.

"Gute Verleger", so war in einem Feuilleton zu lesen, "sind wie alle guten Unternehmer Fatalisten, die um die Unverfügbarkeit des Erfolges wissen und ihn dennoch anstreben". Als ich vor fünf Jahren mit der Frankfurter Verlagsanstalt begann, war mir diese Regel wohl bekannt. Mit einem literarischen Programm anzutreten, das "Sinn" macht, ist naturgemäß ein Gang auf des Messers Schneide - gerade in einer Zeit, in der die Spaßkultur und die Vielfalt an Ablenkungsmanövern die Suche nach wirklichem Sinn des einzelnen Lebens übertönt. Meine Absicht war es, nur wenige ausgesuchte Bücher herausragender junger Autoren mit größter editorischer Sorgfalt zu veröffentlichen. Es sollten literarische Überraschungen sein, Bücher, die im Kafkaschen Sinne "Axt für das gefrorene Meer in uns" sind. Literatur, die den Leser anstößt, ja anstrengen darf. Doch wie realisiert man so etwas?

Samuel Fischer, Gründer des gleichnamigen Verlages, schrieb zu Beginn des 20. Jahrhunderts: "Nach meiner Meinung baut sich ein Verlag nicht dadurch auf, dass er bekannte Autoren an sich zu ziehen sucht. Er muss vielmehr denselben Weg gehen, den jeder ernst geleitete Verlag geht; er muss sich sein Terrain selbst erobern und selbst junge literarische Talente zu kultivieren und materiell zu unterstützen suchen, sonst läuft der ganze Verlag am Ende nur auf einen Autorenfang hinaus." Auf diese "traditionelle" Weise planen auch wir den Verlag. Ein literarisches Programm entsteht nur durch die über einen langen Zeitraum reichende Veröffentlichung einer neuen Schriftstellergeneration und ihre Bindung an den Verlag.

Die gute Nachricht dabei kam von der Seite der Autoren, denn: Unserer Literatur geht es seit einigen Jahren vielleicht so gut wie nie. Das jahrzehntelange Lamento des Feuilletons ist, wenn nicht verstummt, so doch vorsichtigem Lob und großer Neugier gewichen. Deutsche Gegenwartsliteratur wird wieder gelesen. Und gehandelt: Bernhard Schlink ist sogar Weltbestseller.

Junge Autorinnen und Autoren sorgten bereits mit ihren ersten Büchern für einen Boom neuerer deutscher Literatur. Zoë Jenny und Judith Hermann, Ingo Schulze und Christoph Peters sind sichtbare Beispiele. Sie und viele andere Schriftsteller haben mit ihrem jeweils ersten Buch eine große Öffentlichkeit erobert und können heute in der Regel von ihrem Schreiben leben.

Die weniger gute Nachricht für den Neubeginn eines literarischen Verlages gibt es auch: die finanzielle Seite. Der Begriff "Verlegen" stammt von "Vorlegen", im Sinne von "Geld Vorlegen". Man muss einen Verlag wirtschaftlich planen, kann nicht mit schnellen Bucherfolgen rechnen, auch nicht mit nachhaltigen. Wie "unverfügbar" literarische Erfolge in der Tat sind, sieht man am besten an der gegenwärtigen Misere deutscher Verlage. Hohe Verluste werden aus berühmten Häusern gemeldet. Etablierte literarische Verlage rufen Betriebsberater ins Haus. Von "schmerzlichen Einschnitten" ist die Rede: Es heißt, man habe "am Markt vorbeiproduziert", zu viele "unnötige" Bücher gedruckt. Kündigungen, Einsparungen, Kommerzialisierung und Reduzierung des Verlagsprogramms sind die Folgen.

Viele Verlage leben zwar auf großem Fuß, aber nicht durch den Verkauf ihrer Bücher, sondern durch so genannte Quersubventionierungen und Verlustübernahmen von großen Gesellschaften wie Bertelsmann, Holtzbrinck oder Axel Springer. Wer von seinen eigenen Büchern leben muss, kann beim überlebensnotwendigen Marketing nur schwer mithalten.

Vordergründig ist überraschend, dass gerade die Verlage in Bedrängnis geraten, die jahrelang teuer subventioniert wurden. Diese Verlage mussten wachsen, um zu funktionieren, sie bauten Apparate auf und kümmerten sich mehr um diese Apparate als um die nächste Autorengeneration. Dabei sorgt die Geldzufuhr für immer größere Apparate und für Zwänge, für eine Überproduktion von austauschbaren Titeln, die nicht verkäuflich sind, was wieder zu neuen Zwängen führt. Am Ende steht die Kommerzialisierung des Programms und die Entliterarisierung der Programmmacher. Genau hier entsteht die Nische, die literarische Gasse, in die ein neuer Verlag gehen kann.

Im Mittelpunkt steht dabei die Entdeckung und Förderung neuer Autoren. Und das bedeutet: sich Zeit nehmen und den Aufwand nicht scheuen, den es bedeutet, einen neuen Autor aufzubauen. Langen Atem zu haben, zuerst bei der Auswahl der Manuskripte, dann während der Arbeit am Text - mit dem Autor oder dem Übersetzer. Genau diese Arbeit wird von den meisten etablierten Verlagen nach einigen Jahrzehnten ihres Bestehens vernachlässigt. Eines Tages fehlt dann das spezielle Klima für das Neue und die Bereitschaft, sich auf den mühsamen, teuren und zeitaufwendigen Neuaufbau von Autoren einzulassen. Gerade hier liegt die große Chance für einen verlegerischen Anfang.

Anders als bei den Fußballclubs ist es nicht die Menge der eingekauften Stars, die den Erfolg macht. Auch nicht das teure Marketing, jenes "business-end of publishing" . Es liegt vielmehr am beginning of publishing, an der von Marketing- und Renditeüberlegungen zunächst unbelasteten, lustvollen Begeisterung für die eigentliche Sache: an Passion für die Literatur selbst.

Schließlich: Will man als neuer Verlag die Bücher veröffentlichen, die man verlegen will, und nicht nur die, die sich verkaufen lassen, will man Autoren haben, mit denen man sich auch noch nach einem durchgearbeiteten Tag und einer durchgefeierten Nacht wohl fühlt, dann muss man radikale Entscheidungen treffen. Unsere größte Entscheidung war es, klein bleiben zu wollen. Klein bleiben, um Zeit zu haben für die sorgfältige Arbeit am Text. Ich glaube nicht an die kulturelle Dominanz der schieren Zahl. Ich glaube, dass man im Leben Zeit haben muss, um Weniges gut zu machen.

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