Verlagsbiografie würdigt Siegfried Unseld zum 90. : Für immer Suhrkamp

Siegfried Unseld in Bildern und Texten: Ein opulenter Erinnerungsband würdigt den großen Verleger, der an diesem Wochenende 90 Jahre alt geworden wäre.

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Der Jahrhundertverleger Siegfried Unseld (1924–2002).
Der Jahrhundertverleger Siegfried Unseld (1924–2002).Barbara Klemm/Archiv Suhrkamp Verlag

Der Ausriss aus dem „Spiegel“ liest sich, als stamme er aus einer aktuellen Ausgabe – und nicht vom 15. Juli 1991: „Ende einer Dynastie?“ ist da ein Artikel über den Suhrkamp Verlag überschrieben. „Suhrkamp-Insel“, heißt es dann in der Anmoderation, „die Frankfurter Nobelfirma für Literatur und Theorie, steckt nach der Flucht des Jungverlegers Joachim Unseld nicht nur in einer Personalkrise.“ Es geht in dem Artikel unter anderem um das Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn, das auch den Beginn der vergeblichen Nachfolgersuche Unselds für seinen Verlag markiert. Und überhaupt: In verschiedenen Krisen, ob personeller oder ökonomischer Natur, steckt der Suhrkamp Verlag nicht erst seit dem Tod von Siegfried Unseld am 26. Oktober 2002, nicht erst seit Beginn des epischen, nicht enden wollenden Gesellschafterstreits zwischen Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach im Jahr 2006.

Auf viele dieser Krisen und ihre Ursachen spielt nun auch der opulente, vor allem bildstarke Band über das Leben des übermächtigen Verlegers, den der Suhrkamp Verlag jetzt aus Anlass von Unselds 90. Geburtstag (28. September) veröffentlicht hat, mit einer gewissen Offenheit an. Da sieht man auf der einen Buchseite Unseld, seinen Sohn Joachim (der hier stark an Franz Beckenbauer erinnert) und Ulla Berkéwicz in trauter Gemeinsamkeit 1988 irgendwo in New York in die Kamera blickend; da stehen aber auf der anderen Seite schon die Einträge Unselds 1991 in seine Chronik über den Streit mit Joachim.

Da wird aus Unselds Jahresbericht 1995 zitiert, „wir haben entschieden beim Buchhandel an Boden verloren“. Oder man kann einen „FAZ“-Leitartikel von Frank Schirrmacher lesen, der sich 1997 mit der „Leitungs- und Kontinuitätsfrage“ bei Suhrkamp auseinandersetzte und die „Innovationsschwäche“ des Verlags zurückwies. Schirrmacher war im Übrigen, auch das lässt sich hier nachlesen, 1994 von Unseld die Nachfolge als „alleinverantwortlicher Verleger“ angetragen worden, wurde im selben Jahr aber lieber einer der Herausgeber der „FAZ“.

Suhrkamp-Band demonstriert, wie folgerichtig die Entscheidungen des Verlags gewesen sind

Bei allem Krisenbewusstsein soll dieser von den langjährigen Suhrkamp-Mitarbeitern Raimund Fellinger und Matthias Reiner herausgegebene Band aber auch demonstrieren, wie folgerichtig und ganz im Sinne Unselds die Entscheidungen des Verlags und von Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz nach dessen Tod gewesen sind: vom Umzug nach Berlin über die Veränderung in der Gesellschafterstruktur bis hin zur Nachfolgeregelung. „In meinem Todesfall soll Ulla UnseldBerkéwicz den Vorsitz übernehmen, so daß das letzte Wort bei ihr liegt“, liest man in einem hier faksimilierten Brief von Unseld 1999 an den Suhrkamp-Anwalt Heinrich Lübbert. Oder es wird aus einem Brief aus dem Frühjahr 2002 an Schirrmacher zitiert, in dem Unseld nach den „FAZ“-Berlin-Plänen ebenfalls über einen Umzug räsoniert: „Ich kann Ihnen gestehen, daß auch ich mir überlegt habe, ob ich mit dem Suhrkamp Verlag einen Umzug wagen sollte (...).“

Siegfried Unseld und Ingeborg Bachmann, 1955
Siegfried Unseld und Ingeborg Bachmann, 1955Archiv Suhrkamp Verlag

In solchen Zusammenhängen darf dann auch nicht die Heiratsanzeige von Unseld und Berkéwicz fehlen, mit dem Goethe-Zitat, „mittags mit dem Glockenschlage zwölf“. Oder der Hinweis auf das erstmalige Erscheinen von Ulla Berkéwicz bei Suhrkamp: Neben Fotos von Rainald Goetz’ Lesung aus „Irre“ vor Verlagsvertretern 1983 und den Porträts junger Suhrkamp-Autoren (Werner Fritsch, Josef Winkler oder Ralf Rothmann) steht da ein per Schreibmaschine geschriebener Dankesbrief Unselds an Tagesspiegel-Autor Peter von Becker, der damals als Dramaturg am Frankfurter Schauspiel arbeitete und Unseld auf „Josef stirbt“ hinwies, das erste Prosa-Manuskript der Schauspielerin Ulla Berkéwicz: „Ich habe das sichere Gefühl, daß der Suhrkamp Verlag nicht nur eine talentierte, sondern eine einmal bedeutende Autorin mit einem Erstling verlegt“, so Unseld damals.

Die Zukunft des Suhrkamp Verlags begründet sich stets auch in seiner Vergangenheit

Die Gegenwart und Zukunft des Suhrkamp Verlags, das zeigt dieser Band über Unselds „Leben in Bildern und Texten“ gut, begründen sich nicht zuletzt stets auch in seiner Vergangenheit, in der des Verlagspatriarchen. Man darf auch Tradition dazu sagen. Wobei Unselds Leben hier vor allem mit vielen Fotografien und Dokumenten und weniger mit Texten von und über ihn erzählt wird.

Geboren 1924 in Ulm als Sohn des Kreisinspektors Ludwig Unseld und seiner Frau Maria Magdalena, wird er 1940 Fähnleinführer bei der Hitler-Jugend und 1942 zur Wehrmacht eingezogen, als Funker geht er zur Kriegsmarine. Schwimmend rettet er 1944 auf der Krim sein Leben, 1945 gerät er in britische Gefangenschaft. Nach einer Buchhandelslehre beim Aegis Verlag beginnt Unseld 1947 in Tübingen sein Studium und arbeitet zur selben Zeit beim wissenschaftlichen Verlag J.C.B. Mohr, wo 1949 Adornos „Philosophie der neuen Musik“ erscheint.

Seine Dissertation schreibt er über „Hermann Hesses Anschauung vom Beruf des Dichters“, ebenfalls eine erste Rezension über Hesses „Glasperlenspiel“, und beides zusammen, wie die sich daran anschließende Bekanntschaft mit Hesse, brachte er auch in seiner Bewerbung 1951 als Mitarbeiter im Verlag von Peter Suhrkamp ein: „Hesse kennt mich persönlich: im Briefband ist auf Seite 311 ein Brief an mich abgedruckt.“ Es folgen die Lehrjahre bei Suhrkamp, die Aufnahme als Gesellschafter, der Tod Peter Suhrkamps im März 1959 und Unselds erstes Programm im Herbst 1959 mit Uwe Johnsons Roman „Mutmaßungen über Jakob“ als Spitzentitel.

Joachim Unseld, Ulla Berkéwicz und Siegfried Unseld 1988 in New York
Joachim Unseld, Ulla Berkéwicz und Siegfried Unseld 1988 in New YorkFoto: Archiv Suhrkamp Verlag

Der Lebemann Siegfried Unseld erkennt man nur am Rande

Alles Weitere, der Aufstieg des Suhrkamp Verlags zur ultimativen kulturellen Institution der Bundesrepublik, ist oft genug erzählt worden, nicht zuletzt in den in den vergangenen Jahren in den bei Suhrkamp herausgegebenen Briefwechseln Unselds mit Wolfgang Koeppen, Thomas Bernhard und Peter Handke: die Gründung der Edition Suhrkamp, der Lektorenaufstand 1968, die Einführung der stw-Buchreihe, der Suhrkamp-Wissenschaftstaschenbücher, einer weiteren Theoriereihe. Man sieht Unseld mit Martin Walser, Ingeborg Bachmann, Peter Handke oder Thomas Bernhard, man sieht Fotos von Peter Sloterdijk oder Ulrich Beck, man sieht Uwe Johnson und Wolfgang Koeppen bei den Feiern zum 100. Geburtstag von Robert Walser, beim Kritikerempfang in der Klettenbergstraße, im Kreise seiner Autoren beim 70. Geburtstag von Max Frisch oder dem eigenen.

Man sieht Unseld aber auch allein, in seinem Arbeitszimmer sitzend oder auch schon mal beim Schwimmen, in Badehose posierend. Der Lebemann Unseld allerdings, den erkennt man hier nur am Rande. Gezeigt wird, wie eng Unselds Leben mit dem Verlag verbunden war – und wie sich die Geschicke des Suhrkamp Verlages in den Zeitläufen der Bundesrepublik bis zur Wende widerspiegeln, sei es, dass der „Stern“ eine große Reportage über den „Herrn der linken Dichter“ bringt, sei es, dass Helmut Schmidt in der Klettenbergstraße seine Aufwartung macht.

Unseld hat über all das getreulich Buch geführt, seine „Chronik“. Von dieser Chronik, die bis zu 30 Bände zählt, ist bislang erst ein Band erschienen, darin werden die Jahre 1967–70 behandelt. Weitere sollen in den nächsten Jahren folgen, auf dass auch diese zu jener Maxime beitragen mögen, die Unseld im letzten, auf Tonband gesprochenen Gruß kurz vor seinem Tod an die Mitarbeiter des Verlags ausgegeben hat: „Suhrkamp bleibt.“

Siegfried Unseld: Sein Leben in Bildern und Texten. Hrsg. von Raimund Fellinger und Matthias Reiner. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 335 Seiten, 58 €.

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