Verlagswesen : Edel und gut

Frau Sellerios Gespür für Bücher - die Grande Dame des italienischen Buchwesens ist am Dienstag gestorben.

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Es war rasende Verliebtheit in einen Mann, dem sie um jeden Preis gefallen wollte; es war eine Leidenschaft für Bücher, die sie verschlang. Es war wirtschaftliche Verrücktheit, ein Verlagshaus ausgerechnet in Sizilien durchzuboxen, jener Gegend Italiens, in der am wenigsten gelesen wird – und es war die intuitive, treffsichere Entdeckung großer Autoren: Das alles zusammen hat aus der Palermitanerin Elvira Sellerio die „große Dame“ des italienischen Buchwesens gemacht. Nun ist sie im Alter von 74 Jahren gestorben.

Zunächst verheiratet mit dem renommierten Fotografen Enzo Sellerio und beteiligt 1969 an seiner Verlagsgründung, hatte Elvira Sellerio ihren Sinn für Bücher vor allem zusammen mit Leonardo Sciascia entwickelt. Dessen „Affäre Moro“, veröffentlicht 1978, brachte den sizilianischen Zwergverlag mit einem Schlag auf die internationale Bühne.

Es folgte, national kaum weniger erfolgreich, die Entdeckung Gesualdo Bufalinos („Das Pesthaus“). Sellerio druckte Antonio Tabucchi („Erklärt Pereira“), entdeckte neben Carlo Lucarelli („Der Grüne Leguan“) etliche andere Jungautoren – und just 1994, als nach der Scheidung der Eheleute Sellerio ihr Verlag von Finanzproblemen und Gerichtsverfahren erdrückt zu werden drohte, stieß Elvira auf die Goldmine ihres Lebens: Andrea Camilleri.

Der heute fast 85-jährige Erfinder des „Commissario Montalbano“ kann schreiben, was er will: Der Spitzenplatz auf den italienischen Verkaufslisten ist ihm sicher. Mit ihm und dem seit 2002 publizierten Krimiautor Gianrico Carofiglio („Reise in die Nacht“) hatte Elvira Sellerio wirtschaftlich ausgesorgt. Sie konnte sich seither dem „Luxus angenehmer Bücher“ widmen – auf eigene Faust, in der Provinz, bewusst abseits von der mondänen, politisch durchsetzten Partygesellschaft in Mailand und Rom, unabhängig von den Kraken des italienischen Verlagswesens, von Mondadori vor allem, also dem Imperium Silvio Berlusconis.

Elvira Sellerios Taschenbücher stechen in Italien auch optisch aus dem Fast Food der Großverlage hervor: Gedruckt sind sie auf edlem Papier, und ihr schlichtes, nachtblaues Cover ist zum Qualitätsmerkmal einer Unverwechselbarkeit geworden, wie man sie in Italien kaum mehr findet. Elvira Sellerios Sohn Antonio soll diesen Kurs nun weiterführen.

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