Kultur : Verlaufen

STEFANIE DÖRRE

"Wilhelm Meister" in den Berliner SophiensälenVON STEFANIE DÖRREFünf Schauspieler laufen und lesen, gruppieren sich im strahlend weißen Hochzeitssaal der Sophiensäle zu geometrischen Formen.Zwei blasen auf Oboe und Horn, sie laufen zwischen den Stuhlinseln, auf denen sich das Publikum im Raum verteilt.Es sollte sich um eine szenische, also belebte Lesung von "Wilhelm Meisters theatralische Sendung" handeln, Goethes Fragment gebliebener und erst 1910 in einer Abschrift wieder aufgefundener Urfassung des "Wilhelm Meister".Ein inhaltliches Movens allerdings war in der Wanderbewegung der HdK-Studenten nicht auszumachen. "Ach wer die Sehnsucht kennt", mit diesen, dem Abend seinen Titel gebenden Worten Mignons waren wir empfangen worden.Hörten Wilhelm vom Beifall des Publikums und Herrn Melina von unbezahlten Rechnungen sprechen.Hörten, daß die kleine Wandertruppe durch einen Hagel aus Pomeranzen und Dosen von der Bühne vertrieben wird.Wie die Geschichte jedoch zusammenhängt, welcher Akteur gerade welchen Part übernommen hat, blieb größtenteils in der Schwebe.Um die Handlung kann es der Inszenierung also nicht zu tun sein, bleibt die Reflexion übers Theater. Solo: "Der Dichter muß ganz seinem geliebten Gegenstand leben." Im Kanon: "Kinder müssen Komödien haben." A cappella: "Der Schauspieler hört sich lieber selber als jeden anderen." Doch Goethes Frühwerk taugt nicht zur Goldader, aus der sich Theater-Aphorismen schürfen lassen.Denn Zeilen zum Schauspiel finden sich auf jeder Seite, herausgebrochen wirken sie wie Kalenderweisheiten.Auf den Kontext kommt es an.Wird der Zusammenhang gesprengt, muß den Splittern eine bedeutungsvolle Stoßrichtung gegeben werden.Sie fehlte.Die Schauspielschüler haben die "Theatralische Sendung" nicht zu ihrer eigenen Sache machen können. Hochzeitssaal der Sophiensäle, bis zum 5.April, 19.30 Uhr

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