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Verleihung des Europäischen Filmpreises : Nahrung für die Seele

03.12.2012 13:18 Uhrvon
Thank you. Helen Mirren wurde am Sonnabend im Mediterranean Conference Centre von La Valletta für ihren „Beitrag zum Weltkino“ geehrt.Bild vergrößern
Thank you. Helen Mirren wurde am Sonnabend im Mediterranean Conference Centre von La Valletta für ihren „Beitrag zum Weltkino“ geehrt. - Foto: dpa

Michael Haneke triumphiert beim Europäischen Filmpreis auf Malta: Gleich vier Preise gehen an seinen Film "Liebe", während "Ziemlich beste Freunde" und "Barbara" leer ausgehen. Die große Schauspielerin Helen Mirren wird für ihren "Beitrag zum Weltkino" geehrt. Der Star des Abends im Kongresszentrum von La Valletta aber ist die Gala-Moderatorin Anke Engelke.

Es hätte so schön populär ausgehen können für die Fans überall in Europa: Wenn „Ziemlich beste Freunde“, der flotte und zudem so menschenfreundliche Unterhaltungsfilm von Olivier Nakache und Eric Toledano, gewonnen hätte – mit dem Darstellerpreis für die Publikumslieblinge François Cluzet und Omar Sy noch dazu. Der erste Erfolg für Frankreich seit dem Hit „Amélie“ 2001: Da hätte auch das einst so strahlende Filmland beim Europäischen Filmpreis endlich wieder was zu feiern gehabt. Nur sind die vier nominierten besten Freunde, als hätten sie’s geahnt, der Zeremonie im fernen Malta lieber gleich komplett ferngeblieben.

Schön auch hätte es aus deutscher Sicht kommen können.

Wenn sich nämlich „Barbara“ mit seinen zwei Nominierungen durchgesetzt hätte. Nicht nur war, wie sich das gehört, Regisseur Christian Petzold mit Hauptdarstellerin Nina Hoss angereist; zudem wäre die jüngst als Schmach empfundene Ehrung nur mit Silber beim Deutschen Filmpreis und vor allem die dortige Nichtnominierung von Nina Hoss zumindest europäischerseits korrigiert worden.

Doch nun ging man auch in der maltesischen Hauptstadt Valletta leer aus. Vielleicht tröstet es zumindest, dass die Deutschen mit „Good Bye, Lenin!“, „Gegen die Wand“ und „Das Leben der Anderen“ in diesem Jahrzehnt schon dreimal den europäischen Oscar holten.

Die Europäische Filmakademie aber mit ihren 2740 Mitgliedern versammelt keine ziemlichen besten Freunde, sondern die Besten des Kontinents und macht im Zweifel keinerlei Kompromiss. Und so hat sie zum festlichen Begängnis ihres ersten Vierteljahrhunderts die einzig richtige Wahl getroffen – mit vier Hauptpreisen für den alles überstrahlenden Film des Jahres.

Gewiss, die Hauptdarsteller von „Liebe“ fehlten; der wegen Theaterverpflichtungen verhinderte Jean-Louis Trintignant freute sich per Videobotschaft, und die mit hohem Fieber bettlägerige Emmanuelle Riva ließ durch Produzentin Margaret Ménégoz bewegte Worte überbringen. Und dass Meisterregisseur Michael Haneke die Preise für Regie und Film mit einer Ach-schon-wieder-Attitüde entgegennahm? Kenner seiner Performances erinnern weitaus uncharmantere Dankesbezeugungen.

Keine Sensationen also in Sachen Film, nur das in zeremoniöser Mucksmäuschenstille gespannt erwartete und gelöst bejubelte Resultat. Da gingen die Preise für Steve McQueens „Shame“ (Kamera und Schnitt) ebenso in Ordnung wie der Drehbuchpreis für Thomas Vinterbergs „Die Jagd“ – beide Filme waren mit je fünf Nominierungen Hauptkonkurrenten für den sechsmal nominierten „Liebe“. Dass diese Gala, prächtig ausgerichtet in einem zum Konferenzzentrum umgebauten einstigen Hospital des Malteserordens aus dem 16. Jahrhundert, aber ein derart strahlender Erfolg wurde, liegt vor allem an der Moderation, und die war schlicht sensationell.

Darf man, trotz der versammelten Filmprominenzen, behaupten, dass Anke Engelke der Star des Abends war? Die Comedyentertainerin führte rasant und souverän durch die Zeremonie, ließ sich mal in grotesker, maltesischen Kriegsruhm zitierender Ritterrüstung blicken, löste gelegentliches anderweitiges und auch eigens einstudiertes Pathos brillant in cooler Selbst- und Weltironie auf und scherzte – „Wen man liebt, den demütigt man!“ – wunderbar respektlos mit den Nominierten. Und ihre sechs 90-Sekunden-Einspieler, mit denen sie sich ungemein komisch als Fan gleich aller nominierten Filme outete, möchte man unbedingt demnächst auf Youtube nachklicken können.

So viel Intelligenz und Humor passt zu dem europäischen „Ermutigungsfest“, als das Volker Schlöndorff (Tsp. vom 30. November) diese alljährliche Veranstaltung begreift. Denn die Nöte des europäischen Kinos sind ja geläufig. Etwa, dass viele Filme außerhalb ihrer Landesgrenzen bei Verleihern und auch beim Publikum wenig Chancen haben. So lief nicht einmal die Hälfte der knapp 50 zum Europäischen Filmpreis kandidierenden Titel in unseren Kinos. Oder dass dann dort deren Erfolg, von meist angelsächsischen Ausreißern abgesehen, überwiegend bescheiden bleibt (siehe Grafik). Jammern hilft da wenig – erst recht nicht das bloße Jammern über Hollywood.

„Unsere Filme können die europäische Seele nähren“ – so poetisch vage brachte Wim Wenders, Präsident der Europäischen Filmakademie, ein Gefühl auf den Begriff. Auch wenn es so viele Definitionen für die „europäische Seele“ geben dürfte, wie es Europäer gibt, scheint die Formel keineswegs abwegig. Da mag der ungarische Regisseur István Szabó in einem der bei der Gala eingespielten Interviewschnipsel noch so sehr gegen die Fixierung europäischer Regisseure auf „Verlierer, Verlierer, Verlierer“ wettern: Ihre Spielfilme, die sich aus der gelebten Wirklichkeit speisen, gehen unbequemen Themen zumindest nicht aus dem Weg. Und schaffen so via Fiktion eine tiefere gesellschaftliche Verständigungsebene. So wie es „Liebe“ für unseren Umgang mit dem Alter tut. Oder „Shame“ in Sachen Sexsucht und Einsamkeit. Oder „Die Jagd“ (Kinostart im März) über die Wirkung eines Missbrauchsverdachts. Oder auch „Barbara“ – im Blick auf eine deutsche Vergangenheit, die noch immer die Gegenwart vergiftet.

Solche Filmerlebnisse wirken unmittelbar, und sie verändern auch das Verhältnis zum Kino selbst. Die große Schauspielerin Helen Mirren, auf Malta stürmisch für ihren „Beitrag zum Weltkino“ gefeiert, erzählt das in einer kleinen Geschichte: Mit 16 habe sie in Brighton gejobbt, und da habe es damals nur ein Kino gegeben, man zeigte Kunstfilme – und Pornos, es stank nach Urin, Tabak und Bier. „In diesem Kino sah ich Michelangelo Antonionis ,L’avventura’. Das hat für mich die Landschaft des Kinos mit einem Schlag verändert.“ So schön kann’s gehen.

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