Verleihung des European Film Award : Kunst statt Kassenknüller

Vor acht Jahren ging der Europäische Filmpreis zuletzt nach Deutschland. In diesem Jahr tritt kein deutscher Filmemacher in der Königskategorie Bester Spielfilm an. Der Stuttgarter Marc Bauder hat trotzdem Chancen auf eine Trophäe.

Ein Mann in einem leerstehenden Bankgebäude
Master of the Universe von Marc Bauder porträtiert einen Ex-Investmentbanke, der einen kritischen Blick auf die Finanzwelt wirft....Foto: European Film Awards

Es geht um Sadomaso-Sex, die Kirche und das fragile Gleichgewicht in einer Familie. Der skandalumwitterte dänische Regisseur Lars von Trier gehört mit seinem Sex-Drama „Nymphomaniac“ zu den Favoriten für den 27. Europäischen Filmpreis. Wenn am Samstagabend (13.12.) in der lettischen Hauptstadt Riga die Trophäe für den besten europäischen Spielfilm vergeben wird, hat aber auch ein polnisches Roadmovie über eine junge Novizin Chancen auf den Hauptpreis: Pawel Pawlikowskis Schwarz-Weiß-Drama „Ida“.

Die deutsche Präsenz ist dieses Mal dagegen ziemlich schwach. Kein einziges deutschsprachiges Werk hat es in der Königskategorie Bester Spielfilm auf die Nominierungsliste geschafft - obwohl Edgar Reitz' bereits mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnetes Auswanderer-Drama „Die andere Heimat“ und auch die viel gelobte deutsch-österreichische Produktion „Das Finstere Tal“ von Andreas Prochaska in der Vorauswahl waren. Auch deutsche Schauspieler wurden von der Europäischen Filmakademie (EFA) nicht nominiert.

Zuletzt ging der Filmpreis im Jahr 2006 nach Deutschland: Damals gewann Florian Henckel von Donnersmarck mit dem Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“.

Acht Jahre später kann sich immerhin der gebürtige Stuttgarter Marc Bauder Hoffnungen auf die Preisstatue in Gestalt einer langhaarigen Schönheit in einem mit Europa-Sternen besetzten Kleid machen. Er geht in der Kategorie Bester Dokumentarfilm mit seiner Banker-Doku „Master of the Universe“ ins Rennen. Die Dokumentation „Das Salz der Erde“ von EFA-Präsident Wim Wenders fehlt dagegen auf der Auswahlliste.

Kunst statt Kassenknüller

Auch in der Sparte Beste Komödie ist einer der absoluten Publikumsrenner des Jahres nicht dabei: die französische Multikulti-Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter“.
In der Kategorie Bester Spielfilm setzen die 3000 Akademie-Mitglieder, die über die Gewinner entscheiden, ebenfalls mehr auf Kunst als auf Kassenknüller. Von Triers Film ist in der fünfeinhalb Stunden langen Version „Nymphomaniac Director's Cut - Volume I & II“ nominiert, die in Deutschland nur auf DVD erscheint und auch in von Triers Heimatland Dänemark ausschließlich in ausgewählten Kinos für kurze Zeit lief. Die Hauptdarsteller des drastischen Werks, Charlotte Gainsbourg und Stellan Skarsgard, gehen in der Kategorie beste Schauspieler an den Start.

Europäischer Filmpreis 2014 - Die Sieger, die Nominierungen
Nonne betet an einer LandstrasseWeitere Bilder anzeigen
1 von 28Foto: dpa
11.12.2014 14:02Ida von Pawel Pawlikowski spielt im Polen der Sechziger Jahre. Ida (Agata Trzebuchowska, vorne links) begibt sich gemeinsam mit...

Zu den fünf für den Hauptpreis nominierten Filmen gehört auch der dreistündige Cannes-Gewinner „Winterschlaf“. Das Werk des türkischen Regisseurs Nuri Bilge Ceylan über die Lebenskrise eines Intellektuellen startet in dieser Woche in den deutschen Kinos. Bereits angelaufen ist der schwedische Filmpreis-Anwärter „Höhere Gewalt“. Ruben Östlund erzählt darin von einer Familie, deren Leben nach einem Lawinenabgang aus der Bahn gerät - weil der Vater panisch flüchtet statt seine Kinder zu beschützen. Nominiert ist außerdem „Leviathan“ von Andrey Zvyagintsev (Russland).

Gainsbourg, Skarsgard und Timothy Spall haben Chancen auf die Trophäe

Chancen auf eine Trophäe als beste Schauspieler haben neben Gainsbourg und Skarsgard für „Nymphomaniac“ auch Timothy Spall („Mr. Turner - Meister des Lichts“), Valeria Bruni Tedeschi („Human Capital“), Marion Cotillard („Zwei Tage, eine Nacht“) und Brendan Gleeson („Am Sonntag bist du tot“).

Der Preis für das Lebenswerk geht an die französische Filmemacherin Agnès Varda (86), die „Großmutter der Nouvelle Vague“. Der Brite Steve McQueen, der den diesjährigen Oscar-Gewinner „12 Years a Slave“ drehte, wird für seinen „einzigartigen Beitrag zum internationalen Kino“ geehrt.

Riga, Europäische Kulturhauptstadt 2014, ist nach Tallinn die zweite baltische Hauptstadt, in der der Filmpreis vergeben wird. „Mit Hilfe der Film Awards wollen wir das lettische und europäische Kino stärker bekannt und populärer machen“, sagt die Leiterin des Nationalen Filmzentrums, Dita Rietuma. An den lettischen Kinokassen hatten Hollywood-Streifen im Vorjahr einen Marktanteil von 77 Prozent. Der europäische Film brachte es laut Statistik auf zehn Prozent und Filme aus heimischer Produktion auf nur vier Prozent.

Die Deutschen haben schon vor der Filmpreis-Gala Grund zur Freude: Natascha Curtius-Noss und Claus-Rudolf Amler stehen als Preisträger bereits fest. Sie werden für Kostüm- und Szenenbild des Alpendramas „Das finstere Tal“ ausgezeichnet. Und als Moderator der Gala steht auf der Bühne der lettischen Nationaloper Comedian Thomas Hermanns („Quatsch Comedy Club“). (dpa)

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