Verleihung : Happy und Sally

Die Jury hat entschieden: Es gab Tränen der Freude und Worte des Danks. Das große Finale im Berlinale-Palast.

Andreas Conrad
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Die glücklichen Gewinner der begehrten Bären. -Foto: dpa

Sally oder Poppy – das ist hier die Frage. Es stimmt schon, die Frau dort auf der Bühne ist nicht so kunterbunt gekleidet wie die, die soeben in sekundenkurzen „Happy-Go-Lucky“-Szenen oben auf der Leinwand zu sehen war. Aber dieser etwas staksige Gang auf ihren High-Heels mit den gefährlich spitzen Absätzen, erst vorhin über den roten Teppich und dann beim kurzen Weg nach vorn, um den Silbernen Bären entgegenzunehmen – ist da überhaupt ein Unterschied zu erkennen zwischen der unbekümmerten Poppy und ihrer Darstellerin Sally Hawkins? Und wahrscheinlich würde jetzt auch Poppy, bekäme sie solch einen schönen Preis, vor Rührung die Stimme zu zittern beginnen, und die Augen füllten sich langsam mit Tränen. „He’s so lovely“, der erste Jubel über den Bären, das ging noch, aber dann die Dankesworte an Regisseur Mike Leigh, eher eine Huldigung, da überwältigt sie die Freude: „You see a very happy, very lucky lady.“

Ein schöner, ein rührender erster Höhepunkt der Preis-Gala an diesem Samstagabend im Berlinale-Palast. Noch einmal roter Teppich, noch einmal frischer Blumenschmuck, noch einmal film- und partyfreudige Gesichter, oft gesehene und neue, Mario Adorf etwa, Wolfgang Thierse, Katrin Saß, Francesco Rosi, Klaus Wowereit, Lisa Martinek oder Hannelore Elsner. Wieder Katrin Bauerfeind als Moderatorin, gelöster als beim Start, zumal Dieter Kosslick gleich zu Beginn mit einem Witz aufwartet, das lockert: Fragt der US-Präsidentschaftskandidat seine Frau, ob sie sich in ihren wildesten Träumen wohl vorgestellt habe, dass er es so weit bringen werde. Nein, hat sie nicht. „In meinen wildesten Träumen kommst du gar nicht vor.“ Soviel zum Witz, den der Berlinale-Chef ja auch ganz nett erzählt hat, aber noch erfreulicher sind die Zuschauerzahlen, die er sicher noch lieber zum besten gibt: Rund 430 000 Kinobesuche, davon 230 000 verkaufte Tickets, das sind 6000 mehr als im Vorjahr.

Dann wird es ernst, der Silberne Bär harrt seines Preisträgers Reza Naji. Ein sehr höflicher Mann, mit einer Neigung zu wiederholten tiefen Verbeugungen gegenüber dem applaudierenden Publikum, auch er anfangs überwältigt, dann aber, anders als Sally, doch so gefasst, dass er den Preis auch noch „meinem geliebten Land und dem geliebten iranischen Kino“ widmen kann. Die Gefühlswellen laufen eben mal so, mal so.

Zwischendurch Till Brönner, tags zuvor selbst mit einem Echo-Preis geehrt, Unterbrechung mit Trompeter und Gesang, sehr elegant im Outfit. Der japanische Nachwuchsregisseur Kumasaka Izuru wird sich schon deswegen in Grund und Boden geschämt haben wegen seines Alltagslooks. „I’m so sorry for my clothes“, aber mit einem Preis für seinen Debütfilm „Asyl“ habe er nicht gerechnet.

Vergeben und vergessen, das Publikum hat das alles wohlwollend hingenommen, auch sämtliche Preisträger freundlich bis enthusiastisch beklatscht, obwohl sie doch mitunter überraschten. So emotional wie bei Sally Hawkins ging es allerdings nicht mehr zu, eher gelassen, voll professioneller Freude, mit Artigkeiten nach rechts und links und besonderem Dank an den lieben Dieter, dem CostaGavras und seine Jury am liebsten auch einen Goldenen Bären verliehen hätten, samt seinem Team. Es sind sogar fast alle Preisträger da, bis auf Jonny Greenwood, aber der wurde vor zwei Tagen Vater. Und was ist schon ein Silberner Bär gegen einen kleinen Sohn.

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