Kultur : Verliebt in einen Mörder: Schmökel, meine Liebe

Silke Becker

Würde diese Geschichte in Hollywood spielen, handelte sie von einer jungen Frau, die alles dafür tut, einmal im Mittelpunkt zu stehen. So wie die Menschen, die sie bewundert. In Hollywood hätte die Geschichte sicher ein Happy End, was man in diesem Fall noch nicht abschließend beurteilen kann.

Denn diese Geschichte spielt im realen, ungerechten Leben. Sie handelt von der 24-jährigen Angelina aus Wuppertal, einer jungen Frau mit einer hohen Stimme und den Träumen eines 15-jährigen Mädchens.

Die Situation jetzt müsste ihr gefallen. Auf dem Tisch im Café steht ein Mikrofon, eine Fotografin lichtet sie von allen Seiten ab, und die Menschen an den anderen Tischen fragen sich, wer diese Frau sein mag. Man könnte behaupten, sie habe es geschafft. Sie steht im Mittelpunkt. Ständig klingelt ihr Handy. Am anderen Ende sind Reporter der "Bild"-Zeitung, der Fernsehsender Pro Sieben will sie, RTL bietet ihr 10 000 Mark, damit sie in eine Talkshow kommt. Alle wollen die Frau besichtigen, die sich in den Sexualstraftäter und Mörder Frank Schmökel verliebt hat, die sagt, sie wolle ihn heiraten, und die schon von ihrem "Mann" spricht, als wären sie seit Jahren ein Paar. Dabei haben sie sich noch nicht einmal gesehen, geschweige denn miteinander gesprochen, nicht einmal telefoniert.

Zittern vor dem Briefkasten

Vier Wochen lang lief sie jeden Tag mit pochendem Herzen zum Briefkasten, wartete auf eine Antwort, hatte Angst, dass er gar nichts von ihr will und Ilona bevorzugt. Die "dicke Ilona", wie Angelina sagt, eine 47-jährige Frau aus Halle, die Schmökel ebenfalls einen Heiratsantrag gemacht hat und nun durch die Talkshows tingelt und überall sagt, dass sie an Frank sogar dann denkt, wenn sie ihren Wellensittich füttert. Aber gestern war endlich eine Antwort da, zwei Seiten vom Geliebten.

Frank Schmökel wirkt wie der Vernünftige in diesem Spiel. Ob sie sich es gut überlegt habe, schrieb er. Er sei doch viel älter und wohl für lange Zeit nicht in Freiheit. Aber wenn sie es ernst meine, dann würde er sich freuen und sie gerne heiraten. Er bat sie, einen Besuchsantrag bei der Staatsanwaltschaft in Strausberg zu stellen, und auch ein paar Kleinigkeiten wünsche er sich: Kaffee, Zigaretten und Süßigkeiten. "Mein Gott", stöhnt sie, "hätte ich das vorher gewusst. Alle bekommen dort etwas, nur er nicht. Der Arme."

Angelina kann von dem Brief nur erzählen. Sie hat ihn nicht mehr. Ihre Mutter hat ihn sofort in 1000 Stücke zerrissen. Die Mutter sagt jetzt, ihre Tochter sei durchgeknallt, sie solle sich einen anderen Mann suchen oder sich an einen Psychologen wenden. Aber das bestätigt Angelina nur darin, dass ihre Mutter "eine Macke" hat; ihre Mutter, von der sie sagt, sie habe lange keinen Mann im Bett gehabt. Schließlich habe ihre Mutter, eine gebürtige Jugoslawin, damals auch einen Deutschen geheiratet, obwohl die Familie dagegen war. Außerdem verlieben sich andere Mädchen in Popstars, an die sie nie herankommen, und werden deshalb auch nicht für verrückt erklärt.

Nur sein Bild hat sie noch. Das hat sie ihrer Mutter erst gar nicht gezeigt, sonst wäre es ebenfalls zerrissen im Müll gelandet. Es zeigt einen kräftigen Mann in einer schwarzen Hose, einem roten Polohemd und zusammengekniffenen Augen, so wie er auch in den Zeitungen zu sehen war. Nur netter sieht er aus. Im Arm hat er seine Nichte, vielleicht elf oder zwölf Jahre alt. Nun steht das Foto jede Nacht auf Angelinas Kommode, und sie träumt davon, dieses kleine Mädchen zu sein und in seinem Arm zu liegen. Und falls sich herausstellt, dass er schlecht küsst, "dann bringe ich ihm das bei", sagt sie.

So verliebt wie jetzt war sie noch nie, auch nicht in José, den letzten Freund, sonst hätte sie sich ja dessen Namen auf den rechten Oberarm tätowieren lassen. Frank, steht dort jetzt in Schreibschrift in einem pinkfarbenen Herz.

Verliebt hat sie sich während Schmökels Flucht. Als er Ende Oktober aus der Landesklinik Neuruppin ausgebrochen war, als seine Bilder jeden Tag durch die Medien geisterten, als viele Menschen Angst vor ihm hatten und ihre Töchter einschlossen, knisterte es bei ihr. Sie findet sein Gesicht faszinierend, seine Ausstrahlung, mag seine breiten Schultern. "Lieber Frank", heißt es in ihrem Brief: "Ich liebe Dich über alles auf der Welt." Und sie sieht mit verträumtem Blick auf sein Foto, das sie jetzt oft küsst, "sieht doch aus, als könne er keiner Fliege was zu Leide tun!"

Dabei weiß sie genau, was er getan hat. Manche Frauen, die Männern Liebesbriefe ins Gefängnis schicken, nehmen die Tat gar nicht wahr, sagt Peter Schmidt, ein Psychoanalytiker, der jahrelang mit Häftlingen Therapien machte. Aber so ist Angelina nicht. "Okay", sagt sie, "man nennt ihn einen Mörder." Aber für sie sind die anderen schuld, die Mutter und der Vater, böse Menschen, die ihn nicht mit anderen Kindern spielen ließen, ihn prügelten, wenn er die Hausaufgaben nicht erledigte, und ihn sexuell nicht aufklärten. "Das muss man sich mal vorstellen, heutzutage." Frank Schmökel ist bei ihr das Opfer, einer, der gesund werden wollte und der keine Chance bekommen hat. An der Flucht ist sowieso seine Mutter schuld. "Die alte Kuh muss ihn provoziert haben."

Viele Frauen, die Briefe schreiben wie Angelina, legen sich die Geschichten zurecht, sehen nur, was sie sehen wollen. Einige reden mit den Männern nie über die Tat. Sie sehen nach vorne, denn zurückschauen bringt durcheinander, erzählt Peter Schmidt. Manchmal sind es gut situierte ältere Damen, die Häftlingen die Ehe anbieten. Sie wollen jemanden retten, etwas Gutes tun und glauben fest an die Unschuld. Es gibt Häftlinge, erzählt Schmidt, die von den Frauen in ihrer Schrecklichkeit gar nicht mehr wahrgenommen werden, die von allen Seiten umsorgt, beruhigt werden.

Liebesbriefe in Gefängnissen sind keine Seltenheit. Schmidt kennt keine Zahlen, aber das Phänomen sei sehr häufig, sagt er. Meisten sind es Frauen, die sich selbst überschätzen, glauben, nur sie könnten diesen Männern helfen.

Angelina will Frank Schmökel nun zeigen, was richtige Liebe ist. Was sie darunter versteht? Wärme, Zuneigung, Kuscheln, sagt sie. Und treu wolle sie sein. Selbst wenn jetzt Antonio Banderas vorbeischauen würde, Sie wissen schon, der Mann von Michelle Pfeiffer, nein, selbst der hätte keine Chance. Sie liebe Frank. Es sei einfach über sie gekommen. Ihre Mutter freilich, sagt Angelina, traue ihr das nicht zu. Die meine, dass sie es gar nicht so lange aushalten würde ohne Mann. Die nennt sie nämlich eine Nymphomanin.

Der traurige Blicke

Angelina hat sich einen traurigen Blick angewöhnt, die Augen nie weit aufgerissen, den Mund schon gar nicht, da würde man ja ihre kaputten Schneidezähne sehen. Der pinkfarbene Pullover mit dem lila Schal macht sie blasser, als sie ist. Und er fusselt schon ein bisschen. Dabei sagt sie, dass sie jeden Monat mehrere tausend Mark für Kleider ausgibt. Sie sagt auch, dass sie morgens Stunden im Bad verbringt, aber der silberpinkgesprenkelte Nagellack wurde schon lange nicht mehr aufgefrischt. Angelina redet von ihrem Abitur, aber mit dem Schreiben, das zeigen ihre Liebesbriefe, hapert es. Sie redet von ihrer Wahl zur "Miss Essen", doch in Archiven taucht ihr Name nicht auf.

Stundenlang sitzt sie da, und die Geschichten poltern nur so aus ihr heraus. Angelina redet von dem Job als Krankenschwester, sie schiebt alten Frauen "Bettpfannen unter den Hintern". Es muss sie ekeln, so wie sie es sagt. Sie redet von ihrer Totgeburt, der überstandenen Leukämie, der Mutter, die von Sozialhilfe lebt, und spricht viel von Stars. Von ihrer Freundin Marianne Rosenberg zum Beispiel oder von Michel, "die doch jetzt beim Grand Prix mitmacht".

Irgendwann trudeln die Geschichten alle durcheinander, Milosevic kommt auf einmal darin vor, der ihr Tausender schicke, und Arkan, der serbische Kriegsverbrecher; mit dem verbrachte sie ein paar Nächte. Sie plaudert und plaudert, längst ist nicht mehr klar, was wahr oder falsch ist, welche dieser Menschen sie wirklich kennt und welche nur aus den Zeitungen. Ist das alles eine Inszenierung, ein Ersatzleben, weil es sonst so wenig zu berichten gibt?

Angelina taucht nun selbst in den Zeitungen auf. Sie wird nun genauso wie die Stars befragt, man hört ihr zu, will sie kennen lernen. "Das Mädchen heiratet einen ganzen Staatsapparat", sagt der Psychoanalytiker Schmidt. Jetzt sind es noch Journalisten, als Nächstes kommen Polizisten, Staatsanwälte, Therapeuten, lauter Fachleute werden sich mit ihr beschäftigen. Ihr Leben ist jetzt wie ein Karussell in voller Fahrt. Sie ahnt noch nicht, dass es wieder zum Stehen kommt. Sie ist nur für kurze Zeit der Medienfraß.

Jetzt ist das Leben aufregend, viel besser als vorher. Angelina redet nun wieder von Männern. Sie muss auf einen großen Erfahrungsschatz zurückblicken können, spricht von Oralverkehr und wie oft sie kann. Ob sie denn Geld dafür bekomme?

"2000 Mark", sagt sie. Erneut kann sie nicht der Versuchung widerstehen zu prahlen. Angelina arbeitet in den Nächten längst nicht mehr als Schwester im Krankenhaus, obwohl sie doch der "Stern" im Schwesternkittel knipste, sondern in der Wohnung einer Freundin - als Prostituierte. Hineingerutscht, wie so viele.

"Ist das schlimm?", fragt sie mit der zittrigen Stimme eines kleinen Mädchens und bekommt rote Flecken im Gesicht. Ob es ihr peinlich sei? "Nein, es wissen ja alle, die Mutter, der Bruder", sagt sie, "aber Frank, vielleicht hasst er mich deswegen." Sie hat Angst, dass sie ihn schockiert oder er sich ekelt. Obwohl sie ihn doch über alles liebt. Hoffentlich enttäuscht er sie nicht, das hat sie so oft erlebt.

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