Kultur : Verliebte beim Ballspiel

Sport und Neue Musik: ein Festival in Berlin.

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Erst denkt man: Großartig, ein Festival über den Zusammenhang von Sport und Neuer Musik – das führt zu Schweißausbrüchen, Schnappatmung, Ekstase, da werden tradierte Rituale aufgemischt. Doch dann ist zunächst alles wie immer: Beim Eröffnungskonzert des Festivals „Sportstücke“ im Konzerthaus halten Vertreter der ehrenwerten Berliner Gesellschaft für Neue Musik und der Musikhochschule „Hanns Eisler“ Begrüßungsreden, die förmlicher und staubiger sind als jedes diplomatische Protokoll. Was für ein Stimmungskiller. Die Rettung naht in Gestalt der jungen Musiker des Eisler-Sinfonieorchesters (Dirigent: Stefan Asbury). Das Thema ist ja auch spannend: dass Musik den Sport beflügelt, ist offensichtlich. Aber gilt das auch umgekehrt? Und ist es „sportlich“, wenn Haydn 107 Symphonien schreibt, wenn eine Wagneroper sechs Stunden dauert?

Wagner und Haydn kommen nicht vor an diesem Abend, auch sind die Stücke nicht wirklich „Neue Musik“. Anregend sind sie dennoch, denn sie reflektieren den Sport entweder assoziativ oder in der Form. Wie bei Charles Ives, der 1898 ein Footballmatch zwischen Yale und Princeton vertont hat. Die Musiker kämpfen noch mit einem typischen Jugendorchester-Problem: Das Schlagwerk draufgängerisch, die Streicher matt. Bei Claude Debussy haben sie sich warmgespielt, dessen flirrendes „Jeux – Poème Dansé“ (1912) evoziert ballspielende Verliebte, die Klangbalance schimmert fein austariert. Die barockisierenden Sätze von Strawinskys „Violinkonzert in D“ geht Solist David McCarroll mit leisem, aber geschmeidigem, suggestiven Strich an. Der programmatische Bezug zum Sport ist aber schwach ausgeprägt. Er liegt in der Virtuosität sowohl des Stücks als des Interpreten – was dann wohl auch Liszt oder Rachmaninow zu Hochleistungssportlern machen würde.

Verstörend ist „De Snelheid“ des Niederländers Louis Andriessen (1983): Scharfe Orchestereinwürfe, begleitet von einem aggressiv monotonen Klopfrhythmus, ein nervtötender Ohrwurm, eindimensional, eintönig, furchtbar. Bis man begreift: Gerade diese Beklemmung, dieser körperliche Abwehrreiz sind enorm physisch. Sie machen das Stück zum sportlichsten des Abends. Udo Badelt

Das „Sportstücke“-Festival läuft noch bis zum 15. Dezember, Infos: www.bgnm.de

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