Kultur : Verlorene Schönheit - Im Berliner Kammermusiksaal

Isabel Herzfeld

Die "menschliche Avantgarde", wie Krzysztof Penderecki sie nennt, ist auf dem Vormarsch. Dem Publikum die Schrecknisse der Moderne ersparend, erobert sie die Konzertsäle. So gehen von den Programmen des Philharmonia-Quartetts - einer geschickten Mixtur von klassischer und unbekannter Literatur - zwar kaum Provokationen aus, aber bei seinem letzten Saison-Auftritt im Kammermusiksaal war dennoch eine echte Entdeckung zu machen: Benjamin Brittens Streichquartett Nr. 3. Es entstand als letztes vollendetes Werk in enger Nachbarschaft zur Oper "Tod in Venedig"; die Suche nach der verlorenen Schönheit ist sein heimliches Programm. Dazu bedient sich der Komponist eines erstaunlichen Kunstgriffs: Er beginnt nahezu zwölftönig mit klagenden "Duets", in denen die Instrumente mit filigranem Linienwerk ihre Klangqualitäten vorstellen können. Schrittweise arbeitet er sich über ein geräuschhaft hartes "Ostinato", in dem Cello- und Bratschentöne wie Insekten herumschwirren und die Geigen sich hysterisch überschlagen, zu burlesken Anklängen an Schostakowitsch und Mahler vor. Greifbarer und harmonischer wird zum Schluss eine ehrwürdige Passacaglia, bevor sie in einem letzten dissonanten Aufseufzen zerbricht. Die assoziationsreichen Gesten fügen sich zum "postmodernen" Muster, im Entstehungsjahr 1975 durchaus "avantgardistisch", noch frei von späterer Beliebigkeit.

Farbenreich und mit einem darüber liegenden Hauch von Trauer musizierte das Philharmonia-Quartett das erstaunliche Werk. Umrahmt war es von "Gattungsgenossen", die harmloser erscheinen und es doch in sich haben: Bei Haydns "Kaiserquartett" schien man sich nicht entscheiden zu können zwischen edlem understatement des kontrapunktischen "Hymnen"-Satzes und derbem Auftrumpfen im volkstümlichen Menuett. Besser waren die Gesten der Übertreibung im lakonisch-bärbeißigen Finale aufgehoben - Schroffheiten, die Beethoven im "Komplimentierquartett" op. 18 Nr. 2 nicht wagte. Dessen gebremster Laune wurde denn auch eine gefühlvolle Brahms-Zugabe nachgereicht.

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