Kultur : Verlorene Väter, gefundene Söhne

Fulminanter Jahrgang, kluge Jury: Die Brüder Dardenne triumphieren mit „L’enfant“ beim 58. Filmfestival von Cannes

Jan Schulz-Ojala

So entspannt haben wir Thierry Frémaux noch nie gesehen. Womöglich beflügelt durch manchen dienstlich inkorporierten Tropfen Champagner, probierte der Festivalchef sich am Freitagabend keck in der Rolle des Aushilfsübersetzers. Auf dem Protokoll: die Preisverleihung der Nebenreihe „Un certain regard“ – Pech nur, dass deren amerikanischer Jury-Präsident Alexander Payne einen arg langen Text vorbereitet hatte. „Noch eine Seite?“, fragte Frémaux charmant kleinlaut, nachdem er sich eher ablesend als zuhörend als durchaus tauglicher Dolmetscher betätigt hatte. Nein, keine weitere Seite, aber ein längeres Buñuel-Zitat, um das Werk des rumänischen Hauptpreisträgers angemessen nobel anzukündigen. Da versagte des Festivalmannes Konzentration. „Hmm, irgendwas von Buñuel“, murmelte Frémaux. „Aber das haben Sie sicher alle verstanden.“

Scheint so, als hätte sich Frémaux in seinem zweiten Jahr als alleiniger Programmchef etwas von der Lockerheit seines Kollegen Dieter Kosslick abgeguckt, der die Berlinale zumindest zu seinem Start in eine ausgesprochen relaxte Veranstaltung zu verwandeln verstand. Und den original französischen Charme setzt er wie nebenbei obendrauf. Vor allem aber steht dem Mann nach zehn Tagen Dauerstress pure Erleichterung ins Gesicht geschrieben. „Ich bin glücklich“, vertraute er der Branchenzeitschrift „Le film français“ an, „weil ich glückliche Menschen sehe.“ Und tatsächlich: Glücklich sind die Festivalgänger über manch außerordentliches Filmerlebnis – und durchweg zufrieden mit einem bemerkenswerten und binnenspannungsreichen Wettbewerb. Glücklich sind die örtlichen Kaufleute, Gastronomen und Hoteliers, die sich – die Lokalpresse meldet: Rekord! – über sagenhafte 150 Millionen Euro Extra-Umsatz freuen. Und glücklich dürfte nun auch Cannes sein, das sich nach der alljährlichen Verdreifachung seiner Bevölkerungszahl wieder seiner eigentlichen Bestimmung widmet – als hübsches Touristenstädtchen unter der Sonne der Côte d’Azur.

Vor allem aber: Mit seiner klugen Film-Auswahl ist Thierry Frémaux endgültig aus dem Schatten seines Vorgängers Gilles Jacob herausgetreten – mittlerweile hoch in den Siebzigern, hat der sich weitgehend auf die feine Rolle des formal höchsten Festival-Repräsentanten zurückgezogen. Wobei die Entscheidung der Regisseurs-, Schauspieler- und Dichterjury unter Emir Kusturica den gelungenen 58. Jahrgang des Festivals erst richtig rund macht. Mag sein, dass nur wenige den zweiten Triumph der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne (nach „Rosetta“ 1999) sicher auf ihrer Favoritenrechnung hatten, weil sie eher auf Michael Haneke oder Jim Jarmusch setzten, die auch nicht leer ausgegangen sind; aber die zweite Goldene Palme für das Brüderpaar, das soziale Alltagsthemen aus den Rändern der Gesellschaft stets mit der Handkamera in packende Spielfilme zu verwandeln versteht, geht voll in Ordnung.

Nebenbei trifft die Geschichte um einen Kleingauner, der sein neugeborenes Kind (zeitweise) verkauft und deshalb die Liebe der jungen Mutter (fast) verliert, thematisch ins Schwarze dieses Festivals: Zahlreiche Filmemacher, von Jarmusch bis Wenders, beschäftigten sich mit einsamen, verirrten Vätern und verlorenen, wiedergefundenen Söhnen – doch keiner von ihnen hatte dabei eine dramatischere, stärker aus dem Leben herausgeschnittene Geschichte zu erzählen.

Überhaupt zeigten sich die gereiften, doch keineswegs alt wirkenden Autorenfilmer an der Schwelle ihrer Sechzig in bester Form: Alle diese Regisseure treten nicht auf der Stelle, sondern messen ihre künstlerischen Universen neu aus – und suchen dabei den Kontakt zum großen Publikum. Michael Haneke, mit dem Regiepreis ausgezeichnet, lässt in „Caché“ einmal von seinen Grausamkeits-Lehrstücken ab und beunruhigt in der exakt beobachteten, verstörenden Implosion einer Ehe umso mehr; Jim Jarmusch – sein wunderbarer „Broken Flowers“ mit Bill Murray erhielt den Großen Preis der Jury – mischt seiner gewohnten Lakonie plötzlich berückende Zärtlichkeit selbst für die kleinste Nebenfigur unter; und dass Wim Wenders mit „Don’t Come Knocking“, einem melancholischen „Paris,Texas, revisited“, leer ausging, mag zwar aus deutscher Sicht betrüblich sein – zum Trost machte ihn das Applausometer bei der Gala-Vorführung – zwanzig Minuten Ovation! – schon vorab zum Meister der Herzen dieses Festivals.

Mochte auch die Konzentrationsfähigkeit der dienstlichen Begutachter nach zehn Tagen Parallelweltreise leiden: Das Niveau auf der Leinwand hielt sich bis zuletzt. Hou Hsiao-hsien aus Taiwan, zwar von der Jury nicht berücksichtigt, zeigte mit „Three Times“ einen minimalistischen und zugleich absoluten Liebesfilm: In drei Episoden – auf die Jahre 1966, 1911 und 2005 datiert – lässt er ein immerselbes Schauspielerpaar (bezaubernd verzaubernd: Chang Chen und die wunderschöne Shu Qi) durch die zeitlose Menschensehnsucht nach Nähe reisen. Wobei die an den Anfang gesetzte Geschichte am tiefsten berührt: In jener Mitte des 20. Jahrhunderts, so darf man vielleicht das Nebeneinander der Episoden zur These hochdeuten, befreite sich die Liebe vorsichtig aus den zum Verstummen verurteilenden Konventionen – und war doch noch weit weg von jenem wahllosen elektronischen Bilder- und Bekenntniskonsum, mit dem wir Heutige unsere erotische Vereinsamung zu kompensieren trachten.

Tommy Lee Jones dagegen landete einen doppelten Überraschungserfolg. Der Action-Recke und weltberühmt coole „Man in Black“ legte mit seinem Regie-Erstling „The Three Burials of Melquiades Estrada“ einen makellosen Western in der Tradition von John Ford, Sam Peckinpah und Clint Eastwood vor. Nach dem prompt preisgekrönten Drehbuch von Guillermo Arriaga, einem Jagdkumpan des Regisseurs, bringt der in der Hauptrolle ebenso prompt preisgekrönte Tommy Lee Jones die Leiche eines mexikanischen Cowboy-Kumpels heim nach Mexiko – und schleppt den Mörder seines Freundes, einen schießwütigen Cop der Grenzpolizei, als Geisel mit auf die Totenreise. Die hispanofreundliche Botschaft des texanischen Regisseurs mag dabei mitunter ein bisschen demonstrativ und naiv ins Geschehen hineintönen; verkehrt ist sie nicht – in einem US-Amerika, das sich immer verbissener und isolationistischer als der moralische Nabel der Welt betrachtet. Nie aber bekommt das völkerverbindend Politische im Film die Oberhand über eine souverän inszenierte Geschichte, die individuelle Vergebung ansteuert, obwohl sie von Rache zu erzählen scheint.

Immerhin, noch einmal spielte so, zumindest als dünne Folie, Politik in dieses 58. Festival hinein, das in dieser Hinsicht so gar nicht an seinen Vorgänger mit der Goldenen Palme für den Wahlwerbespötter Michael Moore anzuknüpfen scheint. Kein Wunder – die wenigen ausdrücklich politischen Wettbewerbsbeiträge erwiesen sich als filmkünstlerisch so unausgegoren, dass darüber auch ihr Thema fast verloren ging. Ob Irak oder Israel: „Kilomètre Zéro“ von Hiner Saleem und Amos Gitais „Free Zone“ litten, beim temperamentvollen Transport ihrer jeweiligen Anliegen, an schlechten Geschichten – und ließen überwiegend schlechte Schauspieler schlechte Leitartikel-Dialoge sprechen (die Darstellerinnen-Auszeichnung für Hanna Laslo, ruppig-vitale Taxifahrerin in „Free Zone“, geht wohl eher als Trostpreis durch). Und Marco Tullio Giordana, der zuletzt mit „La meglio gioventù“ ein würdiges italienisches Pendant zu Edgar Reitz’ „Heimat“-Saga geschaffen hatte, enttäuschte mit fast obszönem Gutmenschenkino: „Quando sei nato non puoi più nasconderti“ – ein Breitwand-Epos über illegale Einwanderer, die auf einem stets besonnten Schrottkahn Italien erreichen – entpuppt sich bald als bloßer Versuch, einer sinnleer dahinlebenden Mailänder Luxus-Kleinfamilie neuen Sinn einzuhauchen.

Die internationale Karriere dieser Filme dürfte bescheiden bleiben – nicht zuletzt dank Cannes. Andererseits beflügelt ein Festivalerfolg, der sich schon im Vorfeld möglicher Palmen-Preise blitzschnell herumspricht, das Geschäft der über 10000 Einkäufer, die sich zehn Tage lang auf dem größten Filmmarkt der Welt tummeln. So gesehen, hätte es den Auftritt des diese Woche in 104 Ländern mit Rekordzahlen anlaufenden „Star Wars“ gar nicht gebraucht. Doch auch George Lucas, Box-Office-Meister aller Kassen, nutzte die Medienmaschine Cannes – wie auch die Festivalmacher den Extra-Rummel nebenbei als Beleg dafür aufführen können, dass nach Jahren der Entfremdung auch die Beziehung zu den Hollywood-Majors wieder auf das Schönste erblüht.

Überhaupt ist es das Nebenbei, das den wahren Luxus von Cannes auszeichnet. Noch ein Beispiel? Bei der eingangs genannten Veranstaltung versäumte Thierry Frémaux es nicht, nebenbei zwei nicht eben alltägliche Zuschauer anzukündigen: Penelope Cruz und – „das mag Ihnen jetzt vielleicht nicht besonders kinematografisch vorkommen“ – Diego Armando Maradona. Ganz nebenbei: Emir Kusturica, ebenso glücklicher wie kluger Jury-Präsident des Festivals, dreht gerade einen Film über das aufregendste Fußball-Idol aller Zeiten.

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