Kultur : Verlust der Mitte

Panorama: „Broken Wings“ von Nir Bergman aus Israel

Julian Hanich

Dieses dumme, verdammte Leben. Keine neun Monate ist es her, da ist der geliebte Vater und der beste Ehemann von allen einfach gestorben. Mir nichts, dir nichts. Seither ist alles anders. Das emotionale Gewicht der Trauer zieht die Familie runter. Sie macht das Leben schwer, als müssten plötzlich alle mit Bleischuhen durch Haifa stiefeln. Abheben und fliegen? Diese Zeit ist vorbei.

Die älteste Tochter Maya, die als schwarzer Engel mit Flügeln auf der Bühne ihre Songs probt, muss wegen der Familienpflichten den Auftritt schmeißen. Die neue Verantwortung packt ihr eine Riesenlast auf den Rücken. Yair hebt beim Basketball nicht mehr ab. Er verkriecht sich lieber ins Innere eines Mäusekostüms, so mickrig muss er sich fühlen. Ido springt in das leere Becken eines Pools. Er testet, wie weit er gehen kann – bis er stürzt. „Broken Wings“: Die Flügel der Kinder sind geknickt wie ihre Stimmung. Und auch die Mutter, die als Hebamme sonst mit beiden Händen den Beginn des Lebens greift, will am liebsten im Bett liegen und schlafen. Ständig säuft ihr Auto ab. Nichts kommt mehr in die Gänge.

Filmemachen ist so einfach. Man braucht nur ein paar liebenswerte Menschen zu zeigen, denen ein tiefes Leid die Lebensfreude klaut. Und schon schnürt sich uns die Kehle zusammen. Nun gut, vielleicht braucht man dazu auch noch ein paar gute Jungschauspieler (also ein gelungenes Casting). Jemand muss die Darsteller geschickt in Szene setzen (ein kluger Regisseur). Dazu eine glaubwürdige Geschichte (ein solides Drehbuch). Und: einen aufmerksamen Blick (also ein sicheres Kameraauge). Das alles braucht man! Filmemachen ist so schwer.

Der israelische Regisseur Nir Bergman beweist in seinem Debütfilm, dass er sehr viel versteht von diesen einfachen und schweren Dingen des Kinos. Er weiß genau, wie er die Gefühle seiner Figuren symbolisch vermitteln kann. Gleichzeitig zupft er mit sanfter Gitarrenmusik behände an den emotionalen Saiten des Zuschauers. Von Früher zeigt uns Bergman nur ein paar Photos und ein kurzes Video. Das genügt: Damals muss alles besser gewesen sein. Der Tod hat die Familie atomisiert. Sie ist zerfallen wie ein vertrockneter Sandkuchen. Trotz der Enge ihrer Wohnung schlängeln sie sich aneinander vorbei, wie Passanten in der Fußgängerzone. Jeder Blick auf den anderen bleibt stumpf, weil alle Aufmerksamkeit nach innen gerichtet ist. Eine ergreifende Studie über die Melancholie – am Ende sogar mit Aussicht auf Erfolg der Trauerarbeit. „Make each day your new tomorrow“ ist auf einem Plakat zu lesen. Morgen ist auch noch ein Tag.

Heute 21.30 Uhr (Zoo Palast), morgen 14 Uhr (Cinemaxx 7)

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