Kultur : Vermeer im Salzstollen

Das Buch zu George Clooneys Film: Wie die „Monuments Men“ im Zweiten Weltkrieg Kunstwerke vor der Zerstörung bewahrten.

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Kriegskunst. George Clooney bei den Dreharbeiten in Berlin. Foto: dpa
Kriegskunst. George Clooney bei den Dreharbeiten in Berlin. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Es ist eine Heldengeschichte, und eine wahre noch dazu. Kein Wunder, dass sich George Clooney darauf gestürzt hat und mit einem Staraufgebot – Matt Damon, Cate Blanchett, Hugh Bonneville – dieses Epos für das Kino neu erzählt. Gedreht wurde in Berlin und Babelsberg. US-Soldaten, Nazis und dazwischen die Kunst, jene zu Hunderttausenden in Europas Museen konfiszierten Gemälde und Skulpturen, die zum Kriegsende von böswilliger Zerstörung oder unauffindbarer Verbringung bedroht waren.

Nun ist auch die Buchvorlage für den Film auf Deutsch erschienen. Die Originalausgabe stammt von 2009. Robert M. Edsels „Monuments Men. Die Jagd nach Hitlers Raubkunst“ ist eine über 500-seitige Fleißarbeit, die sich nicht entscheiden kann: Ist sie nun Sachbuch, ist sie Roman? Der Autor mischt die Genres, um die Fakten aufzupeppen. Grundlage seiner fiktiven Dialoge bilden die Feldtagebücher, Kriegsberichte, die Briefe jener anfangs noch kleinen Schar von Männern, die hinter der Front für die Sicherung bedrohter Kulturgüter sorgte.

Diese persönlichen Erinnerungen sind der Stoff, aus dem auch Hollywood seinen Mythos gewinnt. Clooney selbst hat die zentrale Rolle von Oberstleutnant George Stout übernommen. Cate Blanchett spielt die Französin Rose Valland, die als Verwalterin des Pariser Jeu de Paume für die Nazis tagsüber die Bilderlisten des Louvre führte und sie dann nachts für die Resistance kopierte. Ihre Papiere sollten später beim Wiederauffinden der verstreuten Werke – von Leonardos „Mona Lisa“ bis zur Nike von Samothrake – wichtige Hilfe leisten.

US-Präsident Eisenhower hatte diese Spezialeinheit der Alliierten Streitkräfte, die Sektion „Monuments, Fine Arts and Archives“ (MFAA), 1943 auf Drängen alarmierter Museumsleute ins Leben gerufen. Nachdem sie zunächst nur die schlimmsten Einstürze verhinderten, mussten sie erkennen, welche Gefahren den Kunstwerten drohten, die en masse aus den Museen geschafft worden waren – nicht allein zum Schutz der Werke, sondern häufig auch um sie etwa dem „Führer“-Museum in Linz einzuverleiben. Bis zu ihrer endgültigen Auflösung 1951 zählten die „Monuments Men“ insgesamt 350 Mitglieder aus 13 Ländern.

Um seine Story à la Indiana Jones erzählen zu können, fokussiert sich das Buch auf Einzelschicksale, etwa die Geschichte des gerade 18-jährigen Schützen Harry Ettlinger. 1938 war er als Jude aus Deutschland geflohen und schon bald wegen seiner Sprachkenntnisse von der US-Army eingezogen worden. Er kehrte in seine Heimatstadt Karlsruhe zurück und half bei der Wiederauffindung jenes Rembrandt-Gemäldes, das einst nur drei Häuserblocks von seinem Elternhaus entfernt im Museum gehangen hatte.

Edsels Schwanken zwischen historischer Aufarbeitung und dramatisierender Erfindung weckt Unbehagen. Diese Ambivalenz untergräbt die wissenschaftliche Seriosität seines selbst gestellten Forschungsauftrages, dem der Amateurhistoriker und Ölmillionär aus Texas seit einem Florenzaufenthalt Mitte der neunziger Jahre sein Leben gewidmet hat. Mittlerweile gibt es eine „Monuments Men“- Stiftung. Das National World War II Museum in Washington wird in Kürze eine erweiterte Abteilung eröffnen, die sich deren Verdiensten widmet. Geplant ist der Nachbau jenes Stollen im Salzbergwerk von Altaussee, wo die Alliierten Vermeers „Malkunst“, Rembrandts „Großes Selbstbildnis“, Tizians „Zigeunermadonna“ und Raffaels „Madonna im Grünen“ wiederentdeckten. Edsel befragt die Veteranen mit großem Pathos: War es die Kunst wert, dass man sein Leben aufs Spiel setzte? Ein Bombenentschärfer von einst erzählt, wie er eine Stunde lang allein in der Kathedrale von Chartres saß, nachdem die Gefahr gebannt war: „Dieses Erlebnis war meine Belohnung, und ja, das war es wert.“

Schon melden sich die ersten kritischen Stimmen, dass die Anerkennung nicht allein den „Monuments Men“ gilt, sondern jenen deutschen Kunsthistorikern, Museumsleuten und Denkmalpflegern, die die Werke in sichere Unterkünfte brachten und damit vor den Bomben retteten. Ohne sie würde es den Fries des Zeus-Altar von Pergamon, die Sixtinische Madonna und das Grüne Gewölbe in Dresden, die Fenster des Kölner Doms und der Marienkirche in Frankfurt / Oder nicht mehr geben. Aber das ist eine andere Geschichte, die ihrer eigenen Heldenerzählung harrt. Nicola Kuhn

Robert M. Edsel: „Monuments Men. Die Jagd nach Hitlers Raubkunst“, Residenz Verlag , St. Pölten 2013, 541 S., 26,90€,

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