Vermeers „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ : Es war die Tochter, nicht die Magd

Christina Tilmann

Es war nicht das Dienstmädchen. Es war die Tochter. Kein Wunder, dass Vermeer-Forscher Benjamin Binstock auf Peter Webbers Film „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ nicht gut zu sprechen ist. Dessen These, dass das Modell auf dem wohl berühmtesten Bild des Delfter Malers ein heimlich geliebtes Dienstmädchen gewesen sei, widerspricht der seinen: die Frau auf dem Bild sei Vermeers älteste Tochter Maria. Und das Motiv nicht unterdrückte, verbotene Liebe, sondern familiäre Zuneigung und Zärtlichkeit.

Bei der Anna-Maria Kellen-Lecture in der Berliner American Academy mischt der amerikanische Kunsthistoriker, derzeit Fellow am Wannsee, halb spielerisch, halb ernst die Karten der Vermeer-Forschung neu wie ein geschickter Zauberkünstler. Und zwar bewusst nicht als Wissenschaftler, sondern als Connaisseur: Nicht die technische Untersuchung von Farb- und Leinwandpartikeln soll seine Thesen stützten, sondern der klassische Bildvergleich, als Diskussionsgrundlage und Versuchsballon. Wer ähnelt wem? Welche Motive tauchen wo wieder auf? Die Modelle der Bilder also: alles Familienangehörige. Die schwangere Ehefrau Catharina in den frühen Werken, dann, in der Blütezeit, die älteste Tochter Maria, in den späten, schwächeren Bildern, die dominante, streng katholische Schwiegermutter Maria Thins sowie zuletzt die zweite Tochter Elisabeth.

Und mehr noch. Nicht nur meint Binstock alle Modelle des Malers, ja sein Atelier, seine Räume, sein Haus identifiziert zu haben, er hat bei sechs Vermeer-Bildern auch einen anderen Urheber ausgemacht. Einen Schüler, der die Werke des Meisters genau studierte und seine eigenen Bilder aus dessen Vorgaben komponierte. Und da jeder Schüler bei der Gilde angemeldet werden musste, von Vermeer aber keine Anmeldung überliefert ist, konnte dieser Schüler nur ein Familienangehöriger gewesen sein. Wahrscheinlich, so Binstock, eben jene Tochter Maria, die Vermeer im „Mädchen mit dem Perlenohrring“ porträtierte und die in dem Bild „Frau mit rotem Hut“ aus Washington ihr Selbstbildnis dagegensetzt. Das wäre eine kunsthistorische Revolution – der Auftritt einer eigenständigen Künstlerin, die im Spätwerk sogar den Vater beeinflusste. Man sollte einen Film über sie drehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben