Kultur : Vermittelnd bis schwankend

Deutscher und Jude: Shulamit Volkov über die Ambitionen und Ambivalenzen von Walter Rathenau.

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Walther Rathenau war ein Mann mit vielen Talenten, aber er war nirgends wirklich zu Hause, nicht in der Wirtschaft, nicht in der Politik und auch nicht in der Publizistik. Im Alter von 26 Jahren war er für die von seinem Vater Emil gegründete Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) Geschäftsführer eines neuen Werks in Bitterfeld geworden. Sechs Jahre später, 1899, trat er in der Vorstand der AEG ein, verließ das Gremium jedoch schon 1902 wieder, weil er sich nicht wirklich die Anerkennung des Vaters hatte erwerben können, trat zwei Jahre später in den Aufsichtsrat ein und blieb dem Unternehmen auch sonst verbunden. Dabei handelte Rathenau, der stets bemüht war, Konfrontationen zu vermeiden, sehr geschickt Kompromisse mit Konkurrenten aus, deren Umsetzung er aber nicht immer durchsetzen konnte. Diese Ambivalenz war typisch für ihn. Sie zeigte sich auch im politischen Bereich: Durch seine hervorgehobene gesellschaftliche Stellung und glänzenden Verbindungen hatte er Zugang zu höchsten Kreisen und wurde immer wieder mit wichtigen diplomatischen Missionen betraut, wenngleich seine Ambitionen auf eine herausgehobene Position in der Ministerialbürokratie unerfüllt blieben.

Zweimal reiste Rathenau in offiziellem Auftrag nach Afrika. 1907 machte er sich in Ostafrika ein Bild davon, wie die „Eingeborenen“ behandelt wurden, konnte sich aber zu einer eindeutigen Verurteilung der Missstände nicht entschließen, weil er sich unsicher war, ob das seinen politischen Ambitionen schaden würde. Im Jahr darauf reiste er nach Deutsch- Südwestafrika und war über die Grausamkeit des deutschen Vorgehens gegen die Herero äußerst schockiert. Er verurteilte das System der Deportationen und Konzentrationslager und schrieb in seinem Bericht, dies sei „die größte Atrozität, die jemals durch deutsche Waffenpolitik hervorgerufen wurde“. Obwohl er es vermied, Schuldige zu benennen, bekam er diesmal für seinen Bericht keinen kaiserlichen Orden und das Papier verschwand in der Schublade.

Rathenaus Hoffnungen auf eine Verwendung in der Kolonialbehörde zerschlugen sich. Immerhin boten ihm die Nationalliberalen 1911 eine Kandidatur für den Reichstag an, die aber daran scheiterte, dass er nur kandidieren wollte, wenn ihn auch die Freisinnigen nominierten. Das war sehr typisch für Rathenaus Haltung. Einerseits kritisierte er den Wilhelminismus, benannte die Schwächen des halbparlamentarischen Systems und sah den politischen Reformbedarf, andererseits scheute er vor den Konsequenzen zurück. Rathenau fühlte sich in dem herrschenden System nicht wirklich wohl, war aber womöglich selbst in einer zu privilegierten Position, um entschlossen nach etwas ganz anderem zu streben. So schwankte er immer wieder in seinen politischen Urteilen. Am deutlichsten wird Rathenaus Ambivalenz sicherlich in seiner Existenz als Deutscher und Jude. Er litt an beiden Identitäten, am wilhelminischen Größenwahn wie an der nichtvollendeten Emanzipation der jüdischen Minorität. 1897 erschien seine Schrift „Höre Israel“, die Shulamit Volkov bei der Vorstellung ihres Buches im Berliner Wissenschaftskolleg als „scheußlich antisemitisch“ bezeichnete. Aber, so fügte sie hinzu, am Ende war Rathenau stolz auf sein Judentum. „Höre Israel“ ist oft als Beweis für Rathenaus jüdischen Selbsthass herangezogen worden. In Wahrheit ist dieser Text eher ein Beleg dafür, dass Rathenau unter der antisemitischen Stigmatisierung litt.

Shulamit Volkov, emeritierte Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Tel Aviv, legt in ihrem Buch, das ursprünglich in der Reihe „Jewish Lives“ der Yale University Press erschienen ist, großes Gewicht auf das publizistische Wirken Rathenaus, auf die Würdigung seiner zahlreichen und zum Teil recht erfolgreichen Bücher und zeigt dabei auch, dass Rathenau sein Judentum immer reflektiert hat, dabei seine Gedanken weiterentwickelt hat und auch die rassistischen Positionen hinter sich gelassen hat, die sich noch in seinem Aufsatz „Von Schwachheit, Furcht und Zweck“ finden. Der Aufsatz erschien 1904 in der „Zukunft“, der Zeitschrift, die Maximilian Harden gegründet hatte, dem Rathenau lange Zeit eng verbunden war.

Volkov thematisiert aber auch Rathenaus Privatleben. Er lebte zeitlebens alleine und hatte nur wenige engere Beziehungen zu Frauen, die in der Regel zudem platonischer Natur waren. Frauen, die ihn verehrten, setzte er klare Grenzen. So schrieb er an Fanny Künstler: „Mein Herz ist nicht erkaltet, die Menschheit steht mir näher als früher, aber ich habe nichts mehr, was ich dem Einzelnen geben könnte.“ Gleichzeitig pflegte Rathenau sehr intensive Freundschaften zu Männern, die sich auch in sehr intimen und warmherzigen Briefen manifestierten. Es ist deshalb immer wieder über seine Homosexualität spekuliert worden, aber sichere Anhaltspunkte dafür gibt es nicht, und bei allem Spekulieren darüber sollte man immer die homoerotische Atmosphäre der wilhelminischen Gesellschaft in Rechnung stellen. Volkov verweist außerdem darauf, dass die Defizite in Rathenaus Sozialverhalten, seine Unfähigkeit, persönlichen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, seine Neigung zur Herablassung und Belehrung auch der Grund dafür sein können, dass es nie zur intensiveren Verbindung mit einer Frau kam. Hinzu kommt, dass Lili Deutsch, die Frau, die Rathenau am meisten verehrte, ausgerechnet die Frau des Industriellen Felix Deutsch war, seines Hauptrivalen um die Leitung der Geschicke der AEG.

Walther Rathenaus große Stunde kam 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach und er Leiter der neu geschaffenen Kriegsrohstoffabteilung im Kriegsministerium wurde. Er leistete einen überragenden Beitrag zur Organisation der deutschen Kriegswirtschaft, ohne den das Deutsche Reich kaum zu jahrelangen Kriegsanstrengungen fähig gewesen wäre. 1918 ging das Kaiserreich unter, in das er bis zuletzt gewisse Hoffnungen gesetzt hatte. Rathenau engagierte sich zum zweiten Mal, aber man rief einmal mehr den Unternehmer und Wirtschaftsexperten. Er war an der Bildung einer Arbeitgebervereinigung beteiligt, wirkte in der Sozialisierungskommission mit und übernahm auch wieder diplomatische Aufträge der Regierung bei den Verhandlungen über die Durchführung und womöglich Abmilderung der Reparationsbestimmungen des Friedensvertrages.

1921 machte Reichskanzler Joseph Wirth Rathenau zum Wiederaufbauminister und am 1. Februar 1922, weniger als fünf Monate vor seiner Ermordung, wurde er Reichsaußenminister und hatte erstmals ein Amt, das ihm wirklich Gestaltungsmöglichkeiten bot. Rathenau, der sich der Deutschen Demokratischen Partei angeschlossen hatte, war entschlossen, alles dafür zu tun, sein Land aus der Isolation herauszuführen, die früheren internationalen Verbindungen herzustellen, die harten Bedingungen des Versailler Friedensvertrags durch neue Verhandlungen abzumildern und Deutschland auch wirtschaftlich auf die Beine zu helfen. Er wusste wohl, dass Nationalisten und Antisemiten ihn mit infernalischem Hass verfolgten und Attentatspläne gegen ihn geschmiedet wurden. Als er seinen Parteifreund Hellmuth von Gerlach fragte, warum die Menschen ihn so sehr hassten, antwortete der: „Ausschließlich, weil Sie Jude sind und mit Erfolg für Deutschland Außenpolitik betreiben. Sie sind die lebendige Widerlegung der antisemitische Theorie von der Schädlichkeit des Judentums für Deutschland. Darum sollen Sie getötet werden.“

Rathenau, der so oft schwankend gewesen war, dachte keine Sekunde an Rücktritt. Am 24. Juni 1922 wurde er in der Nähe seines Hauses im Berliner Grunewald von Angehörigen der Organisation Consul, die auch schon den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger ermordet hatten, erschossen. Inmitten einer Serie von nationalistischen Gewalttaten, Fememorden und blutigen Auseinandersetzungen wirkte diese Mordtat wie ein Fanal. Reichspräsident Ebert erließ eine Notverordnung zum Schutz der Republik, wenige Tage später folgte das Republikschutzgesetz. Doch die erhöhte Wachsamkeit der demokratischen Kräfte konnte den Weg ins Unheil nicht verhindern.

Shulamit Volkov schließt ihr Buch mit der Bemerkung, nicht der Tod Rathenaus, wohl aber sein Leben hätten etwas bewirkt. Sein Festhalten an seiner doppelten Identität als Deutscher und Jude und sein Glaube an die Möglichkeit einer deutsch-jüdischen Symbiose ist sein Vermächtnis.







– Shulamit Volkov:
Walther Rathenau.

Ein jüdisches Leben

in Deutschland 1867– 1922. Verlag C. H. Beck, München 2012. 250 Seiten, 22,95 Euro.

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