Kultur : Vernichtungssprech

Thomas Lackmann

Ist das hysterisch? Ein kleiner, vorsichtiger Berliner Verein für Hobbyhistoriker und Wissenschaftler diskutiert Konzepte zur Erinnerungspolitik. Alarm: Da taucht im Text das Wort Sippe auf, als Bezeichnung für die Familie Mendelssohn. Na und, sagen die einen: mal ein anderes Wort, man kann ja nicht immer "Clan" schreiben. Unmöglich, sagen die anderen. Das erinnert an Reichssippenamt und Ariernachweis, die Erfasssung des ganzen Volkes in der Reichssippenkartei ... Bloß nicht! Ach, Sippe klingt doch nur alt, nicht böse: sagen die Pragmatiker. Aber die Sprachwächter setzen sich durch, also formuliert man lieber: "Verwandschaftsverband". Dass es dem Unwort Sippe zuvor gelungen war, durch das Sieb der Wachsamkeit schlüpfen und in einem Prospekt des Vereins gedruckt zu werden, entgeht den Beteiligten allerdings (bislang hat noch niemand die Feuerwehr gerufen).

In der aktuellen Gewaltdebatte wird weniger über brenzlige Idiome als über entflammbare Bilder geredet, über Krieg in den Köpfen und seine Erfurter Folgen. Höchstens an rituellen Terminen wie dem heutigen Kapitulationstag scheint die Bedienung der älteren, Worte abwägenden Generationen und ihrer Empfindsamkeit legitim zu sein. Allerdings hatten sich bereits in den Wochen "vor Erfurt" öffentliche Konflikte um das PR-Instrument historisch belasteter Begriffe entzündet: an der Tagespolitik. Ihren Höhepunkt erreichten diese Auseinandersetzungen, als der Terrorist und Friedensnobelpreisträger Arafat Israels Premier Scharon einen Nazi nannte. Spektakulär wirkte die Beschimpfung dadurch, dass in den vorangegangenen Monaten ein antisemitisches Grummeln durch Deutschlands Diskurslandschaft gegeistert war; nun machte der Palästinenserpräsident sich offenbar zum Sprachrohr jener, die bislang im Land der philosemitischen Staatsdoktrin ihr Ressentiment nur verhohlen artikulieren. Es gehe ihnen lediglich - verteidigten sich Israel-Kritiker gegen derartige Unterstellungen - um Kritik an Israels Regierung. Doch die jüdische Seite und ihre Anwälte nehmen andere Akkorde wahr. Wo die deutsch-jüdische Vergangenheit Gegenwart ist, macht nicht nur der Zwischenton, sondern das Detail die Musik, der Klang kontaminierter Vokabeln.

"Hitler fiel ins Wasser, heraus kam - "

Wenn Arafat seinen Intimfeind als Nazi diffamiert, bezieht er sich auf die Politik des Kriegsverbrechers Scharon. Wenn der Westen einen Saddam Hussein, oder, vor 35 Jahren, den ägyptischen Präsidenten ("Hitler fiel ins Wasser, und heraus kam - ein Nasser") anprangert, ist der Bezugspunkt das politische Ziel: die Juden "ins Meer zu werfen". Die Verunglimpfung des Gegners zur Mobilisierung eigener moralischer Unterstützung liegt auf der Hand; die Nivellierung der historischen Genauigkeit wird in Kauf genommen. Komplexer stellt sich der Fall freilich dar, wo ein hochmoralischer Mensch wie jüngst Norbert Blüm den Vernichtungskrieg der Israelis beklagt. Hatte der Ex-Minister keine Zeit, die Wehrmachtsausstellung zu besichtigen? Ist irgend ein kollektiv verdruckstes Etwas mit ihm durchgegangen? Oder soll die Vokabel unbedingt anwendbar bleiben: indem fortan sauber zwischen NS- und Nicht-NS-Vernichtungskrieg unterschieden wird?

Offenbar gibt es vergiftete Wortfelder, die durch den Einzigartigkeitsanspruch des deutschen Zivilisationsbruches - aller Etymologie zum Trotz - bis dato vermint erscheinen. Dazu gehört auch das KZ. Im späten 20. Jahrhundert grassierte eine Zeit lang die sarkastische Wortschöpfung Hühner-KZ, ohne dass ein Politskandal daraus entstanden wäre. Als am 22. März 2002 im Tagesspiegel allerdings von dem amerikanischen "Konzentrationslager Guantanomo" die Rede war, beschlich den Autor dieser Zeilen ein ungutes Gefühl. Über Guantanamo wussten wir zu diesem Zeitpunkt, dass den dortigen islamistischen Häftlingen die Rechte Kriegsgefangener verweigert werden, dass sie in - Volieren ähnelnden! - Käfigen einsitzen, dass sie gefesselt, mit verbundenen Augen und geknebelt zermürbende Ankunftskontrollen erfahren und aus Sicherheitsgründen keine Turbane tragen dürfen.

Erfunden wurde das KZ, wie die NS-Propaganda hervorhob, angeblich von den Briten für die Buren; es gab sowjetische Gulags und Horrorlager für Dissidenten in Marokko ... Vergleichen oder Gleichsetzen? Das spezifische Kriterium des deutschen KZ ist, so oder so, die absolute Rechtlosigkeit des Häftlings in Verbindung mit permanenter, untergründiger, begründeter Todesangst, ob er nun in der Schreibstube oder auf der Plantage arbeitet. Diese von der normativen Kraft des Faktischen durchgesetzte made in Germany-Definition kann der Benutzer des Begriffs hier zu Lande kaum ignorieren.

Man sagt das Eine und denkt das Andere

Es redet ja auch hier zu Lande keiner einfach so von Vergasung! Obwohl das Wort ursprünglich die Auflösung der Person in einen gasförmigen Aggregatzustand meinte und erst später mit den Schrecken des Gaskriegs 14 / 18 verbunden wurde. Wer jedoch heute in Deutschland das religiös überhöhte Leihwort Holocaust gebraucht (dessen germanisierende Aneignung durch Einpropfung eines teutschen "k" jüngst erst gescheitert ist) meint eigentlich: Vergasung. Wir sagen das eine, denken das andere. Das Wort kann nichts dafür. Es hat seine eigene, mehr oder minder unschuldige Geschichte, ist aber in den Hohlraum des Unaussprechlichen eingedrungen: als kühler, technischer (obgleich nicht umfassender) Terminus der Mörder, die sich seinerzeit selbst ganz anderer Umschreibungen bedienten. Dort sitzt es nun. Auch das kann man nicht ignorieren.

Die derzeitige Gewaltdebatte schert sich nicht um das Gewaltpotenzial der Sprache: In dieser Saison verdächtigen wir vor allem Ballermänner aus dem Monitorland, als apokalyptische Reiter das Schreckenserbe des 20. Jahrhunderts anzutreten. Doch der Nationalsozialismus, an dessen Untergang der heutige Tag erinnern soll, hatte neben dem barbarisch-irrationalen ein technokratisch-modernes Gesicht. Bisweilen verrät die Effektivitäts-Diktion ökonomischer Ideologien ihre Verwandschaft mit Denk- und Sprechweisen des Totalitarismus. So redet der Fachjargon im Gesundheitswesen vom Krankengut. Das ist jetzt eine persönliche Geschichte: Seit ich Claude Lanzmanns "Shoah" gesehen habe, wo die Ingenieure der Vergasungs-LKW mit der Aussage zitiert werden, ihr "Ladegut" dränge während der Todesfahrt "ans Licht", fällt mir auf, dass eine entpersönlichende Verwaltungs-Vokabel in jedem Fall Denkgewohnheiten spiegelt - und beeinflusst.

Ist das übertrieben? Sollen künftig alle praktischen Worte auf political correctness durchgescannt werden, bis wir in einer verbalen Schmusegesellschaft leben, deren Gerechtigkeits-PR-Vokabular mit den realen Verteilungskämpfen nichts mehr zu tun hat? Der Philologe Viktor Klemperer hat seinerzeit als Analytiker der "Lingua Tertii Imperii" die Abkürzungen, Abqualifizierungen, Grenzverwischungen der Sprache des "Dritten Reiches" hinterfragt. Zugleich hat er, als DDR-Bürger, angemerkt: Manche Ausdrücke hätten sich "so tief eingefressen, dass sie ein dauernder Besitz der deutschen Sprache zu werden scheinen". Der satirische Visionär George Orwell beschrieb, wie im Jahr "1984" durch Neusprech, das stalinistische Lügengespinst zur Denkvereinfachung, die Abschaffung von Widersprüchen und Zwischentönen in vollem Gange ist. Auch die Klassiker erfahren in "1984" Neusprech-Übersetzungen: "Man rechnete nicht damit, dass sie vor dem ersten oder zweiten Jahrzehnt des einundzwanzigsten Jahrhunderts fertiggestellt sein würden." Es ist anders gekommen, oder? Keiner zwingt uns, vom Humankapital zu reden, wie das Wirtschaftsexperten tun, oder Blasen des Polit-Marketings nachzuplappern, funktionalistische Werbeslang-Kürzel für Produkte oder so genannte Philosophien. Manchmal braucht ein Gedanke, leider, länger als eine Instant-Formel; es ist also eine Frage der Zeit. Aber keiner zwingt uns zu kapitulieren.

Kapitulation übrigens heißt, laut Wörterbuch, nicht etwa "Bedingungsloses Kopfabschlagen", sondern "Verhandlung über die Hauptpunkte". Dazu gehört bestimmt die öffentliche Sprache - und wahrscheinlich sogar das Unaussprechliche. Trotzdem lässt sich nicht so einfach, im Bundestag oder in der Talk-Show, darüber verhandeln. Das ist eben auch eine ganz persönliche Geschichte.

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