Veronese in der National Gallery : Reich macht schön

Veronese, Dürer und der Luxus Venedigs: Die National Gallery in London lädt zu einem grandiosen Nord-Süd-Dialog der Renaissance.

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"La Bella Nani" von Paolo Veronese entstand um das Jahr 1560.
"La Bella Nani" von Paolo Veronese entstand um das Jahr 1560.Foto: The National Gallery

Es waren innere Kreuzzüge, zu denen die nordeuropäischen Künstler, Dichter und Philosophen im 18. Jahrhundert aufbrachen. Sie suchten Schönheit, klassische Ideale, das Abenteuer und die Erotik des Südens. Wenige fanden das Glück, wie Goethe. Oft endete die große Sehnsuchtstour in einer Enttäuschung, wenn nicht im Desaster wie bei Herder. Winckelmann gar fand in Triest den Tod.

Lange vorher hatte sich der aufstrebende Zeichner und Maler Albrecht Dürer (1471–1528) aus Nürnberg auf den Weg gemacht. Zweimal reiste er nach Venedig, um 1495 und 1505. Die Begegnung mit den italienischen Meistern stimulierte seine künstlerische Entwicklung. Die Alpen waren nicht nur eine natürliche Barriere. Bis in die Moderne sind sie eine ästhetische Grenze geblieben, die zu überschreiten magische Anziehungskraft besitzt. Das prägt die Auffassung davon, was schön und vollkommen sei, bis heute.

Mit ihrem „Renaissance Spring“ feiert die National Gallery London europäische Vielfalt. Der Reichtum liegt in der Differenz, es kommt schon im Titel der beiden Ausstellungen scharf heraus. „Strange Beauty. German Paintings at the National Gallery“ heißt die eine, im Untergeschoss, aus Beständen des Museums bestückt. Die andere, in den oberen Sälen mit reguliertem Tageslicht, nennt sich mit einem Fanfarenstoß, „Veronese. Magnificence in Renaissance Venice“ und präsentiert Leihgaben aus aller Welt.

Geheimnisvoller Blick. Hans Holbeins "Lady mit dem Eichhörnchen und dem Star" (um 1526).
Geheimnisvoller Blick. Hans Holbeins "Lady mit dem Eichhörnchen und dem Star" (um 1526).Foto: The National Gallery

Deutsche Malerei galt in England lange als hässlich, jedenfalls nicht unbedingt als schön. „Strange Beauty“ meint Expressivität, Originalität, ausgeprägten Charakter mit naturalistischen Zügen bis hin zum Skurrilen. Dürers Porträt seines alten Vaters, das hier zu sehen ist, packt den Betrachter unmittelbar, es ist wie ein Memento mori, ein schmuckloser Spiegel, man sieht, wo ein Lucian Freud herkommt; auch wenn es sich bei dem Londoner Bild möglicherweise um eine spätere Kopie handelt. Eine umwerfende Schönheit ist auch die „Lady mit dem Eichhörnchen und dem Staren“ von Hans Holbein d. J. (1497–1543) nicht. Sie blickt unter ihrer Haube etwas trüb, doch hat sie Persönlichkeit und Würde und vielleicht ein Geheimnis, worauf die Tiere verweisen; das Eichhörnchen liegt an einer Kette.

Lukas Cranachs Venus mit Cupido, der sich bei der Göttin beschwert, legt den Gedanken nahe, dass Schönheit vielleicht auch etwas mit Witz, Direktheit und Selbstbewusstsein zu tun hat. Ein bisschen mager ist die nordische Venus auch, aber das hat mit Moden zu tun und dem wechselnden Geschmack. Ist schön, was sexy macht oder tugendhaft? Und wie vertragen sich solche Gedanken mit der Religion und der Kunst in Kirchen?

Paolo Caliari (1528–1588), nach seiner Heimatstadt Veronese genannt, wird in der National Gallery mit 50 Werken wie ein Superstar präsentiert. In Venedig, das er nie verließ, war er das auch: ein vielbeschäftigter, gefragter, berühmter Künstler, Inbegriff venezianischer Kunst nicht nur im 16. Jahrhundert. Und das heißt: Pracht, Grandezza, Luxus, Repräsentation, souveräner Umgang mit den Themen der Antike, der Mythologie ebenso wie mit dem Bilderkanon der katholischen Kirche. Damit hat er sich den Ruf eines etwas oberflächlichen Dekorationskünstlers eingehandelt. Seine technischen Fähigkeiten waren stupend, die Malerei ging ihm leicht von der Hand, er arbeitete im Fresko-Stil auf der Leinwand, mit schnellen, kräftigen Strichen.

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