Kultur : Verpackungstechniken von MK Kähne bei Fine Art Rafael Vostell

Klaus Hammer

"Der moderne Mann" - so der Titel dieser Ausstellung - führt auf Reisen einen Buche auf Mahagoni gebeizten Riesenkoffer (20 000 Mark) mit sich, der sich in geöffnetem Zustand als Koffer im Koffer vervielfacht und doch nichts anderes enthält als Hose, Hemd, Binder, Jackett, Zigaretten und Feuerzeug, alles vom Feinsten und adrett in die Passform des roten Samtes eingefügt. Wieder ein anderer Koffer (18 000 Mark) ist nötig, um ein Paar Schuhe und eine Flasche Kentucky Straight Bourbon Whisky unterzubringen. Der moderne Mann trägt immer die Fotos der jeweiligen Freundin bei sich, wie sie sich anzieht und zurechtmacht. Dabei werden die intimen weiblichen Accessoires vom Schlüpfer bis zum Lippenstift noch einmal voyeuristisch ins Bild gesetzt. Man kann die Fotos, 12 an der Zahl, aus dem abermals eigens dafür angefertigten Koffer (9500 Mark) herausnehmen und wieder wegstecken. So wird mit der Zeit perfekt das Prinzip "learning by doing" beherrscht.

Der moderne Mann besitzt eine zuklappbare, nostalgisch verchromte Bar mit exquisiten Wein- und Spirituosensorten, passenden Gläsern zum jeweiligen Getränk, mit Televisor, Radio und CD-Player, die zugleich umfunktionierbar ist in einen modernen Arbeitsplatz mit Mini-Computer, Telefon und anderen Medien der Informationsgesellschaft (Kollektion 60 000 Mark). Der ebenfalls aufklappbare Koffer "Pissoir-Waschbecken" (60 000 Mark) enthält auf engstem Raum zwei (warum ausgerechnet zwei?) Duchamps-Pissoirs mit einem Mini-Waschbecken in der Mitte, niedrigem Wandspiegel und allen für die Morgentoilette notwendigen Utensilien. Das sterile Innere der Sanitäreinrichtung kontrastiert mit der Exklusivität der äußeren Schatullenform. Mehrere Träger müßten alle diese "Gepäckstücke" tragen, die einen ganzen Möbelwagen füllen würden.

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung? In Umkehrung von Marcel Duchamps Verfahren, der ein Serienprodukt unbrauchbar machte, mit seinem Namen signierte und es so zum Kunstwerk erhob, konstruiert Kähne in genau ausgetüftelter und auch kostengünstig kalkulierter Handarbeit ein Badezimmer, eine Bar oder ein Pissoir und macht daraus ein Kunstwerk, indem er den Dingen eine neue Funktion gibt. Man könnte seine Objekte ohne weiteres benutzen, aber dann wären sie kein Kunstwerke, keine auf- und zusammenklappbaren Skulpturen mehr. Ohne die geistigen Väter von Dada, ohne Fluxus und Konzeptkunst würde bei ihm gar nichts laufen.

Kähne konterkariert den Zeitgeist des permanent Mobilen und überflüssig Nützlichen, ein solitäres Denksystem, in dem der "Moderne Mann" nur noch für sich da ist, existent lediglich in der Positiv- und Negativform im Koffer. Er spielt mit Realität, Fiktion und Täuschung und sucht zugleich die perfekte Beziehung von Funktionalität, Form und Ästhetik. Er dreht und wendet die modischen Klischees und Zitate der Zeit ganz nach Belieben - und unter der Hand gelingen ihm erstaunliche Verwandlungen und Neuschöpfungen. Der Künstler hat die Rolle des Inszenators und Animators, die Objekte die Funktion von stimulierenden Requisiten und Mitakteuren übernommen. Wie sich aber der Betrachter entscheiden wird, ist nicht immer voraussehbar.Fine Art Rafael Vostell, Knesebeckstr. 30, bis 13. November; Montag bis Freitag 11-19 Uhr, Sonnabend 11-16 Uhr.

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