Kultur : Verpixelt und zugenäht

Zur Berlinale zeigen Berliner Galerien Kunst, die sich mit dem Medium Film beschäftigt

Christiane Meixner
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The Kiss. Projektionen von Katharina Sieverding in der Galerie Thomas Schulte. Foto: K. Sieverding/VG Bild-Kunst; Courtesy Galerie...

Laufen lernen die Bilder bei Katharina Sieverding zwar nicht – doch sie verlassen den vertrauten Rahmen, wenn die Künstlerin die androgynen Figuren ihrer Fotografien als Lichtgestalten an die Wand entlässt. „Projected Data Images“ heißt die Ausstellung von Projektionen in der Galerie Thomas Schulte, die ab heute zu sehen ist. Als offizieller Beitrag im Forum Expanded der Berlinale, das bereits zum vierten Mal stattfindet und mit jedem Jahr weitere Kreise zieht.

Das crossmediale Projekt basiert auf der Erkenntnis, dass die Grenzen von Film und bildender Kunst schon lange brüchig sind. Mit einem Filmprogramm und einer Ausstellung im Arsenal hat die Berlinale deshalb seit 2006 sichtbar gemacht, wie Künstler von Andy Warhol bis Marie Losier das benachbarte Medium reflektieren. Partner waren bislang die Kanadische Botschaft und jeweils ein kunstimmanenter Ort. Vergangenes Jahr etwa kooperierte man mit der Wilde Gallery.

Dieses Beispiel macht Schule: Noch nie waren so viele Galerien der Stadt mit Videos, Videoprojektionen und -installationen präsent wie zum aktuellen Filmfestival. Einige tragen das Logo der Berlinale. Andere reisen klug als Trittbrettfahrer mit, denn was könnte es für ein perfekteres Thema parallel zum Festival geben als die experimentelle Auseinandersetzung mit dem Medium Film. Bei Thomas Schulte (Charlottenstraße 24, bis 7.3.) lässt sich dazu studieren, weshalb eine Schau wie die von Katharina Sieverding unbedingt in den white cube einer Galerie gehört: Die Wirkung ihrer Projektionen lebt vom geschlossenen Eindruck der Räumlichkeit. Andernorts würde sie wohl einfach geschluckt.

Man sei angekommen, meint auch Stefanie Schulte-Strathaus, die das Forum Expanded für die Berlinale kuratiert: „Wir wissen jetzt, wie man es macht." Dazu zählt auch die Einsicht, dass es Kunstwerke für das Kino und darüber hinaus solche gibt, die besser in einer Galerie funktionieren – „weil sie für diesen Kontext entstanden sind“, meint die Kuratorin. Das sei kein Abschied vom Kino, sondern ein neuer Blick auf die Kunstwerke.

Wer sich „Lunch Break“, den neuen Film von Sharon Lockhart im Forum der Berlinale anschaut, dem leuchtet der Unterschied ein. „Lunch Break“, das sind 80 Minuten mit orchestralem Sound, in denen die Kamera extrem langsam durch die Produktionshalle einer amerikanischen Schiffswerft fährt und den Arbeitern bei der Mittagspause zusieht. Eine Arbeit, wie gemacht für den Kinosessel und die Dunkelheit im Saal, die völlige Konzentration erlaubt.

In der Galerie Neugerriemschneider (Linienstraße 155, bis 10.3.) hängt der fotografische Part zum Film: Porträts der Arbeiter, ihrer Lunchboxes und von in der Fabrik errichteten Ständen, an denen illegal Lebensmittel verkauft werden. Alles andere als offiziell ist auch die Teilnahme von Neugerriemschneider am Forum Expanded. Sie tragen kein Logo auf der Einladungskarte. Trotzdem leistet die Galerie wichtige Arbeit, weil sich das Werk von Sharon Lockhart stets aus den zwei Komponenten zusammensetzt: bewegtes und erstarrtes Bild.

Ähnliches gilt für die Galerie Scheibler Mitte (Charlottenstraße 2, bis 7.3.),wo man mit Michel Auder einen Künstler präsentiert, der 2008 auf der Berlinale mit „The feature“ vertreten war – einer Dokumentation über sein Leben als Filmemacher, Junkie und an der Seite von Cindy Sherman. „Heads of Town“ heißt sein neuer Film, der in eine Rauminstallation eingebettet ist und den Umgang mit dem Kunstwerk und dem Medium Film thematisiert. Womit sich Auder demselben Thema wie das Forum Expanded verschrieben hat – obwohl auch er nicht Teil der Berlinale ist.

Einen offiziellen Mitstreiter trifft man bei Haunch of Vension (Heidestraße 46, bis 21.2.). US-Künstler Bill Viola zeigt mit „Passing“ ein Video, das 2007 auf der Biennale in Venedig gezeigt worden ist. Damit erfüllt es zwar die Kriterien der Berlinale nicht, die ausschließlich Europa-Premieren feiern möchte. Doch für die Kunst, meint Stefanie Schulte-Strathaus, gelten etwas andere Gesetze: Viola hat das rauschende, flimmernde Stück über seinen schlafenden Sohn eigens für Venedig gedreht. Im neuen Kontext der Galerie, die das Video durch Arbeiten derselben Serie ergänzt, könne die Präsentation schon als Debüt durchgehen.

Weit größeren Wert legt die Kuratorin auf den Inhalt. Viola wiederum hat alle digitalen Möglichkeiten genutzt, um seinen schwarz-weißen Film möglichst unscharf zu machen. Obwohl er als Profi unter den Videokünstlern gilt. Diese Souveränität, mit vermeintlichen Fehlern und Makeln eine eigene künstlerische Sprache zu entwickeln, hat die Kuratorin überzeugt. Genau wie beim kanadischen Künstler Stephen Andrews, dessen kurzes Video „Cartoon“ in der Wilde Gallery (Chausseestraße 7, bis 7.3.) ein Auto zeigt, das wie von Sinnen über die Straße flitzt.

Was wie ein verpixeltes Handy-Video wirkt, hat Andrews tatsächlich aus lauter kleinen, von ihm selbst kolorierten Zeichnungen zusammengesetzt. 400 Bilder warnen im Schnelldurchlauf davor, der Realität allzu viel Glauben zu schenken – vor allem, wenn die Wirklichkeit aus dem Film zum Betrachter spricht.

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