„Verräter“ am Gorki-Theater : Scham für die Herkunft aus dem Plattenbau

Falk Richter blickt in „Verräter“ am Maxim-Gorki-Theater auf den gegenwärtigen Rechtsruck, die Diffamierung Andersdenkender und die Folgen der Klassengesellschaft.

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Zwischen Trump-Bashing und Klassenscham werden Ressentiments wieder salonfähig. Foto: Ute Langkafel/Maifoto
Zwischen Trump-Bashing und Klassenscham werden Ressentiments wieder salonfähig.Foto: Ute Langkafel/Maifoto

„Bist du eigentlich traurig, dass deine Mutter nicht zu den Aufführungen kommt?“, will Çigdem Teke von ihrer Bühnenkollegin Mareike Beykirch wissen. Schwierige Frage. Beykirch muss kurz überlegen: „Das ist ein bisschen gemischt“, sagt sie schließlich. „Auf der einen Seite bin ich da ganz oft traurig, weil wir uns auch nie in der Familie sagen konnten, dass wir uns lieben. Auf der anderen Seite ist es auch so, dass ich mich ganz doll schäme für meine Mutti.“

Ja, gesteht Beykirch: Sie schäme sich für ihre Herkunft aus einem sächsisch-anhaltinischen Plattenbau, für die Verwandten, die nach der Wende arbeitslos wurden, für die Armut der eigenen Familie. Und gleichzeitig, holt die Schauspielerin in ihrem intensiven Monolog aus, fühle sie sich, als habe sie „Verrat begangen“ an dieser Herkunft und an diesem Ort, den sie heute nur noch selten und grundsätzlich sonnenbrilletragend aufsuche, weil sie „Angst habe zu weinen“.

Es ist ein starker Auftakt für einen klug gedachten Abend im Berliner Maxim Gorki-Theater – der dieses Anfangsversprechen allerdings leider nicht einzulösen schafft. Falk Richters Projekt „Verräter. Die letzten Tage“ will die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung, den Rechtsdrift, der Andersdenkende kurzerhand als „Verräter“ diffamiert, mit einer soziologisch-biografischen Herkunftsanalyse verbinden. Mit der Frage nach Rollenbildern, sozialen Milieus und deren extremer Einengungskraft. Nicht umsonst ist der autobiografische Bestseller „Rückkehr nach Reims“ des französischen Philosophen Didier Eribon an diesem Abend auf der Bühne in aller Munde.

Bewährt, aber auch etwas beliebig

Eribon analysiert darin seinen Weg als homosexuelles Kind einer einst links und heute rechts wählenden Arbeiterfamilie ins Pariser Intellektuellenmilieu und setzt sich mit Kategorien wie sozialer und sexueller Scham auseinander. In Zeiten, in denen mit rechtspopulistischen Äußerungen auch Geschlechter- und Familienbilder wieder salonfähig zu werden scheinen, die man mit den fünfziger Jahren eigentlich für erledigt hielt, packt das Gorki im Grunde das Thema der Stunde an.

Leider verliert Richters Abend diesen Fokus schnell aus den Augen – und driftet in wesentlich Gefälligeres ab, in Bewährtes und mitunter auch Beliebiges. Das beginnt schon mit dem abgenutzten Rahmen, in den er seinen Stoff packt. Da muss der Schauspieler Daniel Lommatzsch einen extrabornierten Workshopteilnehmer mimen, der aus den Biografien der Kollegen Kapital schlagen will: „Ich möchte ein Projekt mit euch machen, weil ihr so anders seid als alle anderen“, singsangt er den Mitspielern als betont schlechter Operettenfuzzi entgegen. Mehr noch als Çigdem, die „lesbische Muslima, die mit ihrer deutschen Lebenspartnerin gemeinsam ein Kind großzieht“, oder Knut Berger alias Knut, der „schwule Vater aus einer Assifamilie aus dem Arbeitermilieu im Ruhrgebiet“, habe es ihm die aus Israel stammende Schauspielerin Orit Nahmias angetan, so Lommatzsch: Ein „Holocaust-Musical im „La-La-Land-Stil“ wolle er mit ihr machen.

Hate Speech und Holocaust-Musical

„Die Sprache ist ja so brutal“, reflektiert der Schauspieler Knut Berger einmal über hate speech und verbale Ausschlussmechanismen, eines der zentralen Themen des Abends. „Entweder sie beschreibt dich und schreibt dir ständig irgendetwas zu, das du dir gar nicht ausgesucht hast, oder sie erwähnt dich gar nicht, und dann gibt es dich nicht.“ Das Problem ist, dass solche Gedanken meist schärfer bleiben als die szenische Beweisführung. Neben der „Holocaust-Musical“-Ebene betrifft das auch Momente wie den, in dem Çigdem Teke eine „Bettszene mit einem deutschen Mann“ einklagt und auf die Frage eines Kollegen, ob sie jetzt etwa ihre „queere Identität verraten“ wolle, erwidert: keinesfalls. Sie habe nur einfach keine Lust, immer als sie selbst irgendwo rumzustehen und sich „auspressen“ zu lassen.

Das ist natürlich nachvollziehbar und auch nicht ganz unamüsant gespielt, gehört inzwischen allerdings zum Standard von Bühnenabenden, die mit den Biografien ihrer Schauspieler arbeiten. Jedenfalls am Gorki. Und „Verräter“ hätte das Zeug gehabt, darüber hinauszugehen.

So bleibt neben einigen intensiven Momenten – Beykirchs Monolog etwa, der Erzählung des Schauspielers Mehmet Atesçi über einen Istanbulurlaub mit seinem Freund während des Militärputsches – vieles, was man aus anderen Falk-Richter-Abenden kennt: Trump- und Putin-Bashing, dazu stets der passende Soundtrack und Eskapismussehnsüchte aus dieser immer anstrengender werdenden Realität, die voll und ganz zu ihrem Pathos stehen. Der Abend klingt mit „I wanna dance with somebody“ aus.

Wieder am 11. und 13. Mai, 19.30 Uhr

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