Kultur : Verräterkind

Berthold Schenk Graf von Stauffenberg erinnert sich an den 20. Juli und die Folgen.

Hannes Schwenger

Er sei „so trocken, dass man seine Wäsche daran aufhängen könnte“, hat der Gründer des Internats Salem Kurt Hahn über Berthold Schenk Graf von Stauffenberg gesagt. Der Sohn des Hitlerattentäters hat in Salem 1953 sein Abitur gemacht und ist 1994 als ältester Soldat des Heeres im Rang eines Generalmajors aus der Bundeswehr ausgeschieden. Sein Motiv für diese Berufswahl sei nicht etwa Familientradition gewesen, „denn wir sind keine Militärfamilie. Auch nicht wegen meines Vaters, sondern eher trotz ihm, denn ich wusste natürlich, dass mich sein Schatten meine ganze Dienstzeit begleiten würde. Ich meinte einfach, dies sei der richtige Beruf für mich und eine solche Belastung wert. Ich bin nicht enttäuscht worden.“

Umso eindrucksvoller liest sich seine Erinnerung – eine Rede aus dem Jahr 2011 – an die eigene Kindheit als (seine Worte!) „kleiner Nazi“ vor dem 20. Juli 1944 und an die Zeit danach als „Verräterkind“ unter Gestapoaufsicht. Unumwunden räumt er ein, den Vater kriegsbedingt kaum gekannt zu haben und nach seiner Deportation in ein Kinderheim „bis zum Frühjahr 1945 nie mehr richtig zu klarem Denken gekommen“ zu sein. Im Übrigen sei er im Heim „ausgesprochen freundlich“ behandelt und nach dem Einrücken der US-Army zur Großmutter nach Lautlingen gebracht worden. Auch seine Mutter war als erste der „Sippenhäftlinge“ sofort befreit worden, nur die zweite Großmutter und seine Tante Melitta, die ihn noch 1944 im Kinderheim besucht hatte, waren inzwischen gestorben, die Großmutter im KZ. So sei er seit damals dankbar, „dass wir zum Schluss wieder fast alle glücklich vereint waren“. Zu diesem Glück zählt er auch – trotz leichten Fremdelns mit dem Stefan-George-Pathos seines Vaters – die im Abstand „glückliche Erinnerung an ihn als einen wunderbaren Vater“.

Als seine eigene entscheidende Erfahrung während des Naziregimes bezeichnet er im Rückblick, „wie sogar die Jüngsten durch eine geschickte Mischung von Propaganda, Erlebnisse und dabei ständige subtile Drohung zu einem willfährigen Teil der Maschinerie gemacht werden konnten“. Hitlergruß, Jungvolk, Führerreden und Frontberichte im Radio prägten schon den Schulalltag, und „natürlich habe ich der Propaganda geglaubt, auch an den Endsieg“. Nicht einmal die alliierte Invasion habe ihn daran beirrt, denn es gab ja noch die „Vergeltungswaffe“ V 1. Auf die Mitteilung dieser Erfahrung legt er gerade nach sechs Jahrzehnten besonderen Wert, weil sogar Historiker, die nicht selbst in einer Diktatur gelebt hätten, kaum mehr in der Lage seien, sich in deren Lebenswelt und die Schwierigkeit eines nur „getarnt“ möglichen Widerstands zu versetzen. „Wer, wenigstens bei uns im Westen, unter 75 ist, hat die Unfreiheit niemals bewusst erlebt, kann sich nicht hineinversetzen in die Angst vor der Denunziation und den drakonischen Strafen, in das lähmende Gefühl der Rechtlosigkeit, das Abtaxieren jedes Gesprächspartners … Unfreiheit lässt sich ebenso wie Hunger nicht simulieren!“ Nur wer in der DDR gelebt habe, wisse das vielleicht noch, auch wenn die Stasi einerseits weniger brutal, „aber weit effektiver als die Gestapo“ gewesen sei.

Selbst die eigenen Eltern – die Mutter war Mitwisserin der Attentatspläne – durften vor den Kindern nicht offen sprechen. Erst am 22. Juli 1944, als Rundfunk und Zeitungen schon über den „verbrecherischen Anschlag“ einer „gewissenlosen Offiziersclique“ berichteten, nahm die Mutter die beiden Stauffenberg-Söhne – Berthold ist zehn Jahre alt – beiseite, um ihnen die Wahrheit zu sagen. „Auf meine Frage, warum er denn den Führer töten wollte, sagte sie, er habe geglaubt, es für Deutschland tun zu müssen.“ Sie selbst wollte sich später erinnern, sie habe sogar noch hinzugefügt: „Da hat sich der Papi wohl geirrt.“ Aber da sind sich die Brüder einig, dass sich die Mutter geirrt und „dass sie das nicht gesagt hat“. Der Gestapo war das gleichgültig, für sie waren alle Stauffenbergs eine Verrätersippe. Was das für ein Kind bedeutete, davon berichtet der Sohn so frei von Pathos, so trocken, dass noch nach sechs Jahrzehnten ein paar Tränen die Hörer und Leser seiner Rede erleichtern würden. Hannes Schwenger

Berthold Schenk Graf von Stauffenberg: Auf einmal Verräterkind. Wallstein-Verlag, Göttingen 2012.

42 Seiten, 7,90 Euro.

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