Kultur : Verrat und Wahrheit

Warum Orhan Pamuk seine Lesereise abgesagt hat

Thomas Seibert

Er ist der wichtigste türkische Autor der Gegenwart und wird von seinen Landsleuten hin und wieder sogar als Kandidat für den Nobelpreis ins Gespräch gebracht. Doch im Moment will Orhan Pamuk lieber auf öffentliche Auftritte verzichten. Nachdem er mit Äußerungen zur Armenier-Frage in der Türkei für Aufsehen sorgte, sagte der Schriftsteller eine für diese Woche geplante Lesereise nach Deutschland ab, bei der er seinen neuen Roman „Schnee“ vorstellen wollte.

Die Massaker an den Armeniern von 1915, in der Endphase des Osmanischen Reiches, gehören bis heute zu den größten Tabus der Türkei. Wütend wehren sich Politiker, Medien und Wissenschaftler gegen den Vorwurf, damals sei im Osten der heutigen Türkei ein gezielter Völkermord begangen worden. Die offizielle Türkei bestreitet die Verbrechen zwar nicht, beharrt aber darauf, dass es keinen Beschluss zur Vernichtung der Armenier gegeben habe. Kurz vor dem 90. Jahrestag der Armenier-Massaker am 24. April ist das Thema erneut auf der Tagesordung.

Gegen dieses Tabu hat Pamuk bewusst verstoßen. In einem Interview mit dem Schweizer „Tagesanzeiger“ sagte Pamuk im Februar, in der Türkei seien 30000 Kurden und eine Million Armenier ermordet worden. Nur wenige in der Türkei wagten bislang, dies auszusprechen. Die Äußerung brachte dem sonst in seinem Land umjubelten Schriftsteller nicht nur heftige Kritik der türkischen Medien ein, die ihn als Verräter beschimpften, sondern auch staatsanwaltliche Ermittlungen und sogar Morddrohungen. Auch auf Reisen fühlt Pamuk sich deshalb zurzeit nicht sicher. Denn trotz aller EU-Reformen kann er nicht darauf hoffen, dass seine Offenheit in der Türkei zumindest toleriert wird. Kein einziger Regierungspolitiker habe die Angriffe auf Pamuk verurteilt, kritisierte der EU-Botschafter in Ankara, der deutsche Diplomat Hansjörg Kretschmer.

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