Kultur : Verrückt bleiben

Das Behindertentheater RambaZamba feiert seinen 15. Geburtstag mit einem Vampir-Stück und einem Festival

Patrick Wildermann

Marilyn Monroe, diese Sexikone für die Ewigkeit, hat als junges Mädchen fürchterlich gestottert. Das ist ein bisschen in Vergessenheit geraten, man erinnert sich heute eher an ihren Flatterrock-Auftritt über dem Luftschacht oder das champagnerselig hingehauchte Ständchen „Happy Birthday, Mr. President“. Aber es hat die Monroe einige Mühe gekostet, diese Behinderung zu überwinden, und manche ihrer Lieder sind aus den Übungen entstanden.

Regisseur Klaus Erforth, der vor 15 Jahren gemeinsam mit Gisela Höhne das Berliner Theater RambaZamba gegründet hat, interessiert sich für solche Bruchstellen in der Biografie. Was genau der Kindheitssprachfehler des tragischen Glamourgirls allerdings mit seiner jüngsten Produktion zu tun hat, die sich frei nach Murnau „Nosferatu – Die leeren Häuser…“ nennt, erschließt sich vielleicht nicht auf den ersten Blick. Aber das macht nichts. RambaZamba war schon immer ein Theater für Zuschauer, die ihren Sehgewohnheiten nicht trauen, ein Theater der gedanklichen Umwege. Hier spielen Menschen, die aus der Norm fallen, Menschen mit Down-Syndrom, Epileptiker, Psychiatrieerprobte und Kleinwüchsige. Künstler, die es gewohnt sind, dass man sie jenseits der Bühne herablassend betrachtet. Mit Ausnahme-Abenden wie „Orpheus ohne Echo“ oder „Woyzeck(en)“ sind sie weit gereist und preisbehängt zurückgekehrt.

„Nosferatu“, die RambaZamba-Geburtstagsgratulation, feiert nun im Rahmen des internationalen Theaterfestivals „No Limits“ an der Volksbühne Premiere. Regisseur Erforth und seine Gruppe erzählen allerdings nicht F.W. Murnaus schwarzweißen Vampirstummfilm nach, nein, sie haben die bizarre Geschichte einer sehnsuchtsvollen jungen Frau ersonnen, die sich bei Ebay den Namen Marilyn ersteigert. Die Hohlheit ihres Lebens aber füllt sie mit dem prominenten Leihnamen nicht aus, im Gegenteil, sie kommt zu Tode – und begegnet dem ebenfalls verstorbenen Dieter Bohlen. Hölle, was willst du mehr?

Während der Probe thront die Marilyn-Darstellerin auf einer der stählernen Klangskulpturen, die der Künstler Paul Fuchs für das Stück geschaffen hat. Sie trägt, in der Tradition der Karnevalistik, riesige Pappmaché-Brüste und einen entsprechenden Hintern, das Ensemble skandiert den Slogan „Fuck the Pain away“ der Elektropunkröhre Peaches. Für einige der Schauspieler hat die Kostümbildnerin Kerstin Janewa groteske Muskel- und Sehnengewänder erfunden, die an Gunther von Hagens Körperalbtraumwelten erinnern.

„Alle sind gehäutet, jeder liegt blank“, fabuliert Erforth. „Und alle sind Nosferatus“. Um die eigene Leere und das Aussaugen des anderen geht es hier, um unbehauste Seelen und Auferstandene aus Ruinen. Ein Schauerstück für die blutarme Gegenwart, in dem die Vampirismus-Motive ebenso wild-assoziativ gewittern wie der Medien-Trash. Dazwischen schlagen Nonsens-Songzeilen wie Blitze ein, etwa die Randfichtenfrage: „Lebt denn der alte Holzmichel noch?“

Der gebürtige Ostberliner Erforth ist kein Konzepthuber und kein Bühnendidakt. Schon zu Zeiten, als er noch am Berliner Ensemble und am Deutschen Theater inszenierte, ging es ihm darum, eine Gruppe zu formieren, in der jeder Schauspieler das Äußerste von sich zeigt, „bis hin zur Bestie Mensch“. Diesem Anspruch ist er bei RambaZamba treu geblieben. Er will nicht therapieren oder erziehen, er will keine Freakstars, sondern Menschen, die es mit Jacques Prévert halten: „Ich bin, wie ich bin.“ Gelegentlich wird seine Truppe als „Haufen wie bei Fellini“ bezeichnet.

Zu diesen Traumtrapezkünstlern ohne doppelten Alltagsboden gehört auch Nele Winkler, die Tochter der Zadek- Muse Angela Winkler. Während des zehntätigen Festivals „No Limits“ wird Nele gemeinsam mit ihrer Mutter Märchen des einsamen Schneeträumers Hans Christian Andersen lesen. Festivalleiter Andreas Meder zielt auf die Begegnung zwischen Künstlern, die sich in ihrer Besonderheit behaupten müssen und solchen, die sich dem Kopfleuchten der so genannten Verrückten auf ihre Art verwandt fühlen. Da trägt Rufus Beck aus Mark Haddons Erzählung „Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“ über einen autistischen Jungen vor, da geht das Berliner Theater Thikwa in der deutsch-polnischen Performance „Oh mein Gott, wir hatten so viel Spaß“ auf die Suche nach der verlorenen Zeit.

„No Limits“ vereint professionell arbeitende freie Gruppen aus ganz Europa – von denen einige vorwiegend mit behinderten Schauspielern arbeiten, andere nicht. Geht der Anspruch auf, werden die Unterschiede im Bühnenfeuer ohnehin weggefegt. Meder schwärmt etwa von der staunenswerten Präsenz der französischen Compagnie De L’Oiseau-Mouche, die mit „Personnages“ gastiert, einer Variation über Luigi Pirandellos „Sechs Personen suchen einen Autor“. Immer wieder fragen Zuschauer nach deren Vorstellungen, wer aus dem Ensemble nun eigentlich behindert sei. Kunst ohne Grenzen von und für Menschen mit großem Geist.

RambaZamba spielen „Nosferatu – Die leeren Häuser...“ am 8.10., 20 Uhr, 9.10., 16 Uhr, in der Volksbühne. Informationen zum Programm des Festivals „No limits“ unter www.no-limits-festival.de

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