Kultur : Verrückte Stadt

Die Galerie Sprüth Magers leistet sich ein ganzes Haus in Mitte

Daniel Völzke

In den neuen Räumen der renommierten Galerie Sprüth Magers fühlt man sich ein wenig wie Goldilocks aus der britischen Gutenachtgeschichte: Nachdem die Bärenfamilie das Haus verlassen hat, schleicht sich das Mädchen in die Bärenwohnung, um dort vom Brei bis zum Bettchen alles auszuprobieren.

Auch man selbst tastet sich in der Galerie vor, sucht Halt. Wo genau passe ich hin? Viel Platz und Ambition bietet das ehemalige Gebäude der Humboldt-Universität, in dem einst mürrische Bibliothekarinnen nur widerwillig die Bücher ausgaben. Neben den Ausstellungsräumen, in denen unter anderem Thomas Scheibitz seine Einzelausstellung „The Goldilocks Zone“ zeigt, präsentiert die Galerie einen Projektraum für Editionen und einen von den Galeriekünstlerinnen Rosemarie Trockel und Thea Djordjadze gestalteten Laden für Künstlerfilme. Trotz der Größe haben die Architekten Barkow Leibinger eine eisige, scharfkantige Atmosphäre geschaffen, in der nichts der Kunst im Wege stehen soll.

Monika Sprüth gründet 1983 ihre erste Galerie in Köln. Sie vertrat mit Cindy Sherman oder Jenny Holzer Künstlerinnen, die den feministischen Diskurs vorantrieben. Überhaupt ist sie interessiert an Arbeiten, die das Thema Repräsentation umkreisen, an Leuten wie Thomas Demand oder eben Scheibitz. Mitte der neunziger Jahre schloss sich Monika Sprüth mit Philomene Magers zusammen, die seit 1991 als Galeristin tätig ist und die die großen Alten mit in die Fusion brachte: Donald Judd, Ad Reinhardt, Richard Artschwager. Die Galerie Sprüth Magers eröffnete Räume in München und 2003 in London. Berlin ersetzt nun die anderen deutschen Standorte. „Der Umzug war keine Entscheidung gegen Köln und München, die beide Stärken haben“, sagt Philomene Magers. „Es ging uns um eine bewusste Verknappung, verbunden mit dem Wunsch, sich mehr auf das Nachdenken über Kunst konzentrieren zu können und weniger mit Verwaltung beschäftigt zu sein.“

Im ehemaligen Hörsaal hat Scheibitz eine Ausstellung eingerichtet, die einem wie ein Bild für die hauptstädtische Galerienlandschaft vorkommen kann, für dieses unübersichtliche Terrain, das sich ständig neu sortierende Gefüge aus Kunstbetrieben, Protzburgen und Flaggschiffen. Oder ist es Zufall, dass die Eröffnungsschau mit Formen aufwartet, die vage an Anker und Schiffe, modernistische Festungen und Fabriken erinnern? Dicht nebeneinander hat der Berliner Künstler über 30 mit fröhlichen Farben bemalte Skulpturen platziert, so dass eine Art bunte Spielzeugstadt oder ein Hafen entstanden ist. Die einzelnen Werke stehlen sich gegenseitig Raum und Show. Als widerlege die eine Arbeit in Form und Anspruch die jeweils andere. Als wären diese Skulpturen nur vorläufiges Ergebnis eines Probierens und könnten nie Endgültigkeit erlangen. Obwohl die Objekte mit ihrer geschwungenen Gestalt und modischen Farbgebung an hübsche Designartikel denken lassen, sind sie in dieser Ballung ein anstrengender Widerspruch. Die Kunstkritikerin der „taz“ streckte denn auch die Waffen: „Ich gebe zu, Scheibitz ist nicht mein Fall.“ Goldilocks hätte es als Kritikerin nicht anders gemacht: Berlin hat mittlerweile so viele gute Ausstellungen, dass man sich einfach abwenden kann, wenn man sich nicht gleich gut aufgehoben fühlt.

Dennoch: Scheibitz’ Arbeiten zeugen von einer Experimentierlaune, die Möglichkeitsräume eröffnet. Der Künstler, der 2005 gemeinsam mit Tino Seghal den deutschen Pavillon auf der Kunstbiennale von Venedig bespielte, ist hier im ernsthaftesten Sinne bildend: Seine Schöpfungen zwischen konkreter Referenz und abstrakter Geometrie erinnern an etwas Fernes, Vergangenes, Zukünftiges. Als „Goldilock-Zone“ wird in der Astronomie ein Raum bezeichnet, an dem theoretisch Leben möglich wäre. Dass dieses Leben auf fremden Planeten auch ganz anders aussehen könnte, das ist eine politisch wertvolle Idee, die Science-Fiction und Kunst ins Gedächtnis rufen kann.

Der Besucher sollte auch die Kabinettausstellung im Haus mit Zeichnungen von George Condo nicht verpassen. Noch nie war der amerikanische Künstler in Berlin zu sehen. Stellt man sich Scheibitz’ Skulpturenparcours als verrückte Stadt vor – Condos fratzenhafte, kubistische Figuren könnten ihre Bewohner sein. Ein beeindruckender Auftakt ist der Galerie damit gelungen.

Galerie Sprüth Magers, Oranienburger Str. 18, Di–Sa 11–18 Uhr.

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