Kultur : Verschlossene Blicke

HOLGER ZIMMER

"Spuren gelegt - Zeichen gelesen" heißt die Fotoausstellung von Sabine Sauer.Drei Schwerpunkte hat sie aus ihren umfangreichen Arbeiten als Fotoreporterin für "taz", "Spiegel" und "Stern" ausgewählt.Ein Raum ist Berlin und der DDR gewidmet, der andere zeigt Reportagen aus dem Pazifik und den USA.

Sabine Sauers fotografiert in Berlin die universelle Tristesse eines U-Bahn Tunnels, gelangweilte Passanten im BVG-Bus, ein junges Pärchen einsam auf dem Bahnsteig am Alexanderplatz.Das Ende der DDR spiegelt sich in den ratlosen Gesichtern auf der Straße und in Betrieben.In der Schlange auf Klappstühlen sitzend, erhoffen sich DDR-Bürger das erste Westgeld und lesen währendessen Auto-Bild.An einer Hauswand steht: "Scheiß Kapital." Davor warten müde Frauen auf den Bus.Man sieht die Vorsicht, mit der sich Menschen bewegen, deren gewohntes Leben plötzlich wegbricht.Die Bilder zeigen eine geschlossene Welt.Die Anwesenheit der Fotografin wird mit unterschwelliger Skepsis zur Kenntnis genommen.Selbst Kinder schauen eher abweisend als zutraulich in die Kamera.

Szenenwechsel: Nevada, USA.Anfang der Neunziger besuchte Sabine Sauer den Stamm der Shoshonen, deren heiliges Land von der atomaren Testwüste der US-Army durchschnitten wird."Oft rede ich erstmal ohne Kamera mit den Leuten, erzähle auch etwas von mir, damit es nicht so einseitig ist," erläutert sie.Die so entstandenen Portraits sind persönlich und nah: Auf einer Bank sitzen zwei alte Frauen in Kittel und Weste.Nur durch den geschnitzten Zeremonienstab unterscheiden sie sich von anderen alten Frauen - etwa auf dem Kollwitzplatz.Ein anderes Bild streift persönliche Geschichte, die mit der Geschichte des Stammes zusammenfällt: es zeigt die Ahnengalerie der Medizinfrau Eunice Silva.Die Tradition des nomadischen Volkes hängt adrett gerahmt an der Wand eines Wohnwagens, der nicht mehr bewegt wird.

Die Bilder aus dem Südpazifik bringen die Skepsis der Menschen gegenüber der Fotografin wieder stärker zum Ausdruck.Sabine Sauer traf auch dort auf ein vertriebenes Volk.Die während der amerikanischen Atomtests umgesiedelten Ureinwohner fristen auf der Insel Rongerik ein karges Leben.Ihrer Nahrungsgrundlage beraubt, hängen sie am Lebensmittel-Tropf der US-Regierung.Die Bilder beschreiben diese Verschlossenheit.Ein Foto lädt ein in eine vermeintliche Idylle: Möwen vor Palmen und einer Hügellandschaft.Der riesige Hügel jedoch ist der "Plutoniumdom" der Insel Runit.Beton soll dort plutoniumverseuchte Erde von der Außenwelt abschirmen: 45 Zentimeter gegen 24 000 Jahre Strahlung.Sabine Sauer fotografiert keine Schreckmomente der Geschichte, sondern die trügerische Ruhe nach dem Sturm, das Nachbeben, die Zeichen in den Gesichtern.Diese indirekte Präsenz macht ihre fast beiläufigen Fotos so intensiv.

Sabine Sauer: "Spuren gelegt - Zeichen gelesen" noch bis 28.2., Galerie argus , Marienstr.9, (Tel.283 5901), Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben