Kultur : Verschlungen

Restitution von NS-Raubkunst in Bayern

Bernhard Schulz

Das Problem der unter dem NS-Regime geraubten Kunstwerke vorwiegend aus jüdischem Eigentum ist spätestens mit dem spektakulären Fall des Berliner Kirchner-Bildes im vergangenen Sommer einer breiten Öffentlichkeit bewusst geworden. Die Mehrzahl der Vorgänge stellt sich weniger aufregend, aber nicht minder kompliziert dar. Über die Situation in Bayern gibt jetzt ein Sammelband Auskunft, der auf eine Tagung im Nürnberger „Reichsparteitagsgelände“ – sic! – zurückgeht (Kulturgutverluste, Provenienzforschung, Restitution. Redaktion Wolfgang Stäbler. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007. 184 S., 24,90 €).

München spielte als „Hauptstadt der Bewegung“ eine besondere Rolle im NS-System – und hierherbrachte die amerikanische Militärregierung alle in ihrem Besatzungsgebiet aufgefundenen, ausgelagerten Kunstwerke. Der „Central Collecting Point“, sinnigerweise in den beiden, nahezu unbeschädigten NS-Verwaltungsbauten am Königsplatz untergebracht, wurde zur Durchgangsstation für tausende Kunstwerke, für die in mühevoller Arbeit die Vorbesitzer aus halb Europa gesucht werden mussten. Nicht alles fand seine rechtmäßigen Eigentümer. Die Provenienzforschung an den Museen begann überhaupt erst nach der Washingtoner Konferenz von Ende 1998, und bei weitem nicht nur an den Staatsgemäldesammlungen als führender Einrichtung, in denen beispielsweise ein Teil der Sammlung von „Reichsmarschall“ Hermann Göring verblieb. Nürnberg betreut im Auftrag der Israelitischen Kultusgemeinde mit der Bibliothek des berüchtigten Gauleiters Julius Streicher eine Sammlung von jüdischen ebenso wie antisemitischen Schriften, etliches als Geschenk überzeugter Nazis erlangt („ von einem volksdeutschen Lehrer“), anderes aus Raubgut, aber nach Herkunft heute kaum mehr zu entschlüsseln. Wie tief die Raubgutproblematik in die Provinz reichen kann, zeigt das anrührende Beispiel des Thora-Schildes der Familie Dottenheimer aus Gunzenhausen, das 1990 ins Stadtmuseum kam und sich als Eigentum einer bis auf ein einziges Mitglied ermordeten jüdischen Familie der Stadt erwies. Die Kinder dieses 1937 in die USA entkommenen Familienmitglieds stießen auf das Thora-Schild, das sie dem Museum als Dauerleihgabe überließen. Der Mehrzahl der mangels fortgesetzter Provenienzforschung weiterhin schwebenden Fälle wird ein ähnlich tröstlicher Ausgang versagt bleiben. Die Vergangenheit bleibt drückend gewärtig.

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