Kultur : Verschmelzungsstichtag

MARKO MARTIN

Der Ost-Pen will in die BRD übersiedelnVON MARKO MARTINOst-Pen goes West, und das in fast DDR-mäßiger Einmütigkeit: Weit mehr als die erforderlichen zwei Drittel der am Wochenende im Palais am Festungsgraben versammelten Club-Mitglieder votierten für eine Fusion mit ihrem westlichen Pendant, das lange als eine Art Widerpart gegolten hatte.Nun können - die Zustimmung des West-PEN bei seiner Münchener Jahrestagung vorausgesetzt - sich beide Schriftsteller-Vereinigungen endlich "innerlich vereinigen", wie es im harmonieträchtigen Bürokraten-Deutsch während der Tagung so schön hieß.Mit dem 1.Juni 1998 steht bereits ein sogenannter "Verschmelzungsstichtag" fest.Was aber kommt danach? Auch gab der Ost-Pen bereits Antwort. Nach dem "Ende der Revierkämpfe", so der amtierende Generalsekretär Joochen Laabs, stehe nun "die Bündelung der geistig-literarischen Kräfte" auf der Tagungsordnung.Auch in dem Beifall verlesenen "Grußwort" des Verbandes der Schriftsteller (VS) wurde "der Blick auf die Gegenwart" angemahnt, damit "die Schriftsteller gemeinsam und effektiv für das Interesse der Literatur eintreten".Bei soviel Konsens-Kauderwelsch wirkte es dann fast wie ein Donnerschlag als sich der Schriftsteller Erich Köhler zu Wort meldete, um gegen die "BRD-Flagge mit dem Bundesgeier" zu wettern und die "Verelendung des Ostens nach dem Einrücken der westlichen Besatzungsmacht" zu geißeln.Da war plötzlich Schluß mit lustig.Die PEN-Mitglieder schwiegen indigniert, Friedrich Schorlemmer versuchte es erfolglos mit evangelischer Verständnis-Rhetorik, agierte darin aber auch nicht viel glücklicher als die Schriftstellerin Gisela Kraft, die Erich Köhler mit den Worten zu trösten versuchte, er sei doch bestimmt nicht der einzige", der traurig ist über das Ende der DDR".Was auf den ersten Blick wie eine flaue Neuauflage der altbekannten Nostalgie-Debatte scheinen mochte, hatte indessen einen sehr ernsten Hintergrund und könnte durchaus noch eine Fusion beider Autoren-Clubs in letzter Minute verhindern. Auf Drängen des West-PENs hatte man sich Anfang der neunziger Jahre in Ostberlin dazu durchgerungen, einen "Ehrenrat" ins Leben zu rufen, der die Stasi-Verstrickungen von Ost-PEN-Mitgliedern aufklären sollte.Nach "internen Gesprächen" konnten die meisten Belasteten - unter ihnen auch Hermann Kant alias IM "Martin" - zum freiwilligen Austritt überredet werden.Bei anderen Autoren, so etwa im Falle des Leipziger Reclam-Verlegers Hans Marquardt, stufte man die Verletzung der internationalen PEN-Charta durch Stasi-Zuträgerschaft als ehergering ein; eine sicherlich nicht immer vollkommen nachvollziehbare Entscheidung.Eindeutig aber ist der Fall Erich Köhlers, der 1976 als informeller Mitarbeiter, IM "Heinrich", den Schriftsteller Klaus Schlesinger beim MfS denunzierte.Der Betreffende allerdings machte auch an diesem Wochenende keine Miene, den PEN-Club zu verlassen oder auch nur anzudeuten, daß ihn seine einstige Spitzelei heute reue.Der etwas konfuse Diskussionsverlauf nahm sich infolgedessen dann auch aus wie eine Mischung aus Konzil, Gesprächstherapie und Wohngemeinschafts-Zoff.Fast eine symbolische Situation: Die bis heute größtenteils verweigerte Reflexion über den Charakter des DDR-Staates kam nun nur noch als Farce zustande, die in der peinlich privatistischen Frage gipfelte: "Haste nu oder haste nich?" Köhler jedoch grummelte nur.Quo vadis, PEN? Droht etwa neuer Streit? Fragen wir nicht soviel und halten uns stattdessen lieber vertrauensvoll an die zwar nicht allzu stilsicheren, dafür aber sehr optimistischen Schlußworte von Generalsekretär Laabs: "Der Boden für einen gemeinsamen PEN ist in den Köpfen der meisten Autoren bereits bereitet".

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