Kultur : Verschobene Worte

Gertrud Höhler liefert eine persönliche Abrechnung mit Angela Merkel: Doch ihrem Buch liegt ein Missverständnis zugrunde.

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Dass einmal ein Buch einen kollektiven Schutzreflex zugunsten der deutschen Bundeskanzlerin auslösen würde, hat bis zur vergangenen Woche wohl kaum jemand für möglich gehalten. Die Literaturwissenschaftlerin Gertrud Höhler hat es geschafft. Sie hat unter dem Titel „Die Patin. Wie Angela Merkel Deutschland umbaut“ ein vernichtendes Porträt der Spitzenpolitikerin geschrieben. Und selten ist eine Autorin für ihr Buch persönlicher angegriffen worden: Höhler genoss seit der Ära Helmut Kohls hohes Ansehen als Politik- und Wirtschaftsberaterin. Das hat sie mit diesem Buch verspielt. Sie habe sich an Angela Merkel rächen wollen, weil die ihren Rat nicht hören wollte, heißt es jetzt. Sie habe sich über die Ost-Biografie der Bundeskanzlerin hergemacht, weil sie es nicht verkrafte, dass eine Ossi-Frau die Herrschaft über den Westen an sich gerissen habe. Sie unterstelle Merkel antidemokratischen Vorsatz, weil die Kanzlerin die Macht nicht mit den rechtmäßigen Erben der Ära Kohl habe teilen wollen.

Das Buch ist ein Dokument eines Missverständnisses. Das Missverständnis der Gertrud Höhler ist, dass Demokratie in Deutschland aus ihrer Sicht nur das sein kann, was der Westen in vierzig Jahren Bonn eingeübt hat. Die Berliner Republik ist jedoch anders als die rheinische Demokratie. Sie ist schneller, härter, pragmatischer und, ja, undemokratischer ist sie auch – über alle Parteien, über alle politischen Führungskräfte hinweg.

Deutschland hat ein anderes Gewicht gewonnen. Aus dem Deutschland, das sich klein und halb fühlte, ist ein Großes, Ganzes und Anderes geworden. Gertrud Höhler nimmt offenbar übel, dass sich das Große und Ganze anders benimmt als das Kleine und Halbe. Die Schuld dafür sucht sie nicht in der Globalisierung, nicht in der neuen geostrategischen Situation Deutschlands, nicht im demografischen Wandel, nicht in der Informationsrevolution und nicht in der Finanz- und Schuldenkrise. Sie findet die Schuld dafür bei Angela Merkel.

Das liest sich dann für die Euro-Krise so: „Angela Merkel aber setzt ihren Weg zur Staatswirtschaft und zur Einheitspartei (…) konsequent fort. EU-Verträge missachtet sie genauso wie das deutsche Grundgesetz, wenn es um die Durchsetzung ihrer Ziele geht.“ Viele Demokraten machen sich derzeit zu Recht Sorgen um die Rolle des Parlaments gegenüber der Regierung. Diesen fundamentalen Konflikt aber als persönliche Landnahme einer wildgewordenen Ostdeutschen zu charakterisieren, ist niederträchtig.

Die Abrechnung mit Merkel ist Ausdruck der tiefen Kränkung der westdeutschen Politiker und Politikberater, die nun in den Ruhestand gehen – und erkennen müssen, dass ihr Politikverständnis nicht mehr gültig ist. Höhler verzichtet in ihrem Buch auf wichtige Fragen, die sich aus diesem Traditionsabriss für die Identität Westdeutschlands, für das Selbstverständnis der Konservativen ergeben.

Stattdessen entwirft sie das Bild eines Politikzombies. Merkel sei bindungslos, ohne Loyalität zu Menschen oder Sachen. Roland Koch, Peter Müller, Günter Oettinger, Jürgen Rüttgers, Christian Wulff und vor allem Friedrich Merz: Alle habe sie fallen lassen, verstoßen oder weggebissen, als sie ihr nicht mehr genutzt oder ihr hätten gefährlich werden können.

Höhler rechnet Merkel die Energiewende vor, den Abschied von der Wehrpflicht, ihre Vorstellungen zu Schul- und Bildungspolitik, den Wankelmut bei der Bewältigung der Finanzkrise, das Bundespräsidentendesaster um Christian Wulff. Immer habe sie die Werte verraten, die die CDU einst geprägt hätten. Höhler beschreibt die Verhältnisse der Bonner Republik als gebunden. Dort habe Loyalität etwas gegolten, die Politik habe sich an Überzeugungen orientiert. Die Frau, die im Titel merkwürdigerweise als „Patin“ bezeichnet wird, was an ein Milieu erinnert, in dem Loyalität über alles geht, beschreibt sie jedoch als eine Außerirdische, der Höhler auf 280 Seiten abspricht, überhaupt zu wissen, was Loyalität ist.

Höhler höhnt, Frau Merkel rede, „als sei sie eine Ausländerin, die den Sinn der einzelnen Worte noch leicht verschoben einsetzt“. Das „ganz einfache Mädchen“ könne es eben nur auf niedrigstem Niveau, schreibt die hochgebildete Professorin aus Westfalen: „Da sprudelt das Gassendeutsch fehlerlos.“

Sie hätte die Schwächen des Merkel’schen Regierungsstils analysieren können. Sie hätte den Verlust politischer Talente und politischer Qualität beklagen können. Sie hätte sich mit der wichtigen und berechtigten Frage auseinandersetzen können, wo der Platz des konservativ-wertegebundenen Milieus in einer CDU Merkels noch ist. Wahrscheinlich wäre auch diese Bilanz vernichtend ausgefallen. Aber sie wäre fair gewesen.

Gertrud Höhlers Buch hätte viel sein können. Doch auf die vernichtende Kritik, die der Bundeskanzlerin tatsächlich gerecht wird, müssen wir noch warten. Schade. Ursula Weidenfeld

Gertrud Höhler:

Die Patin. Wie Angela Merkel Deutschland umbaut. Orell Füssli, Zürich 2012. 296 Seiten, 21,95 Euro.

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