Kultur : Verschwendete Jugend

In der Drogen-Disco: Die Schaubühne adaptiert „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ als Theaterstück

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Foto: G. Bresadola / DRAMA
Foto: G. Bresadola / DRAMAFoto: Bresadola/drama-berlin.de

Hier ein wichtiger Hinweis für Lehrer, die das Buch „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ im Unterricht durchnehmen wollen: Sie benötigen keine eigene Rauschmittelerfahrung. Wer sich auf die Argumentation einlässt, zum Mitreden gehöre das Erlebnis, der erliegt bereits den Rechtfertigungsmustern der Drogenszene! Diese Warnung findet sich in dem Begleitbuch für Pädagogen zum Einsatz des Suchtklassikers aus den Endsiebzigern in der Sekundarstufe I und II. Patrick Wengenroth zitiert es in seiner Bühnenadaption von „Christiane F.“ im Studio der Schaubühne.

Die Frage, ob Regisseure eigene Rauschmittelerfahrung benötigen, um den Stoff adäquat durchdringen zu können, spielt eher keine Rolle. Was Wengenroth nun genau von diesem Absturz-Report der Stern-Autoren Kai Hermann und Horst Rieck will, weiß man auch nach 90 Minuten nicht genau. Aber zumindest liegt ein vergnüglicher Abend hinter einem. Und wer nun einwirft, diese Geschichte über den Dämon Heroin dürfe doch keinen Spaß machen, der erliegt bereits den Rechtfertigungsmustern der Betroffenheitsszene.

Wengenroth selbst dämmert zu Beginn komatös in einer Vitrine wie vom Ku’damm-Trottoir vor sich hin, beschallt mit Klassik wie die Junkies am Hamburger Hauptbahnhof. Ironisch ausgestelltes Elend, damit ist schon mal der Ton vorgegeben. Der Schauspieler Ulrich Hoppe übernimmt die Einführung in Christiane F.s schattige Kindheit in Gropiusstadt, wo die Väter besoffen auf dem Spielplatz liegen, die Möbel aus dem Fenster fliegen und die Mütter um Hilfe schreien. Mit Jule Böwe (im Tran) und Lea Draeger (aufgekratzt) gesellt sich ein doppeltes F-chen dazu, das von den Dresscodes für coole Jungs in der bewunderten Clique erzählt, zu der Christiane gehören will. Kiffen, Trips schmeißen, abhotten, so fängt die Verschwendung der Jugend an. Franz Hartwig performt die Rolle von Detlef, der großen Liebe, mit der das Fixen losgeht. Im Bühnennebel, der die Drogen-Disco „Sound“ markiert, dreht sich alles nur noch ums „Äitsch“.

„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ hat einige Vermarktungsjahrzehnte auf dem Buckel, unter anderem die Verfilmung durch Produzent Bernd Eichinger, auch schon 30 Jahre alt. Wengenroth markiert die Distanz mit viel Gesang und Verfremdungshumor, Heroin ist so passé. Er selbst legt David-Bowie-Parodien (klar, „Heroes“) und Auftritte im MinnieMouse-Kostüm hin, er war schon immer ein unerschrockener Protagonist seiner Abende. Hinter dem grell-lustigen Tanz wiederum erzählt seine Inszenierung davon, dass man die Geschichte der Christiane F. längst nicht mehr als individuelles Schicksal lesen kann, sondern bloß noch als klischeegewordenes Stationendrama, vom ersten Schuss zum Kinderstrich. Allerdings: auch keine wirklich neue Erkenntnis.

Es wird dann die Talkshow „Menschen bei Maischberger“ von 2007 zitiert, in der Christiane F. vor allem danach gefragt wird, warum sie eigentlich überlebt hat, kann doch nicht sein. Die hilflose Antwort: „Am Ende habe ich vielleicht gar nicht so viele Drogen genommen, wie alle denken.“ Patrick Wildermann

Wieder heute sowie 17. und 18. 2., jeweils 20.30 Uhr

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