Kultur : Verschwundene Bilder: Interview: In geheimer Passion

Herr Toussaint[Sie sorgen mit Ihrer Arbeit daf&uu]

Clemens Toussaint (40) studierte Kunstgeschichte und Philosophie in Berlin. Heute sucht er nach Bildern mit ungeklärten Besitzansprüchen. Findet sich ein solches, sucht er nach den Erben und beschafft diesen ihr Erbteil - gegen eine angemessene Beteiligung.

Herr Toussaint, Sie sorgen mit Ihrer Arbeit dafür, dass der Kunstmarkt hin und wieder heftig in Bewegung kommt - gestern hat Jen Lissitzky, der Sohn des russischen Malers El Lissitzky, Klage gegen die Fondation Beyerler in Basel auf Herausgabe eines Gemäldes aus der Sammlung seiner Mutter erhoben. Was haben Sie damit zu tun?

Der heute 70-jährige Jen Lissitzky stand vor zehn Jahren bei mir vor der Tür und bat mich um Hilfe bei der Suche nach der Sammlung seiner Mutter. Mir gelang es, einige Gemälde zu finden und in seinen Besitz zurück zu führen. Bei dem Baseler Kandinsky klappte das leider nicht.

Sie ermitteln als Kunstdetektiv...

Ich mag diesen Ausdruck nicht besonders. Der Begriff wurde von der Boulevardpresse geprägt. Aber darunter kann man sich halt etwas vorstellen: Einer der nach Kunst fahndet, ist ein Kunstdetektiv.

Ist das nicht die Aufgabe der Polizei?

In der Regel schon. Aber wenn der Diebstahl so lange her ist, dass die Polizei sich nicht mehr darum kümmert oder gar nicht mehr befugt ist, sich darum zu kümmern, dann gibt es Leute wie mich, die versuchen das Kunstwerk zu finden und zum rechtmäßigen Eigentümer zurück zu bringen.

Um welche Kunstwerke handelt es sich?

Das ist unterschiedlich: Gemälde und Skulpturen, Zeichnungen und Skizzen. Ich habe hauptsächlich mit Werken zu tun, die während des Zweiten Weltkriegs oder im Zuge der totalitären Katastrophen im 20. Jahrhundert beschlagnahmt worden sind - also vor allem mit staatlichem Kunstraub. Meine Arbeit ist im Wesentlichen eine knochentrockene, wissenschaftliche Archivarbeit. Spannend ist es, wenn man der Geschichte eines verschwundenen oder geraubten Kunstwerkes um den ganzen Globus hinterherreist, und es schließlich in den Händen hält. Das ist jedes Mal ein neues Abenteuer: Was waren das für Menschen, deren Schicksal ich rekonstruieren muss? Was sind das für Geschichten, die ein Kunstwerk selbst erlebt hat. Und schafft man es, von einer Vorkriegsfotografie in Schwarz-Weiß zum farbigen Original zu kommen, so dass man dran riechen und es in der Hand halten kann und das Kunstwerk eben doch noch existiert.

Wie lange dauert eine solche Recherche, und mit wem arbeiten Sie zusammen?

Da man nie weiß, wo die nächste Spur hinführt oder ob sie überhaupt weiter führt, ist das nicht zu sagen. Es gibt Geschichten, die dauern zehn Jahre und es gibt andere, die dauern zehn Tage. Ebenso unterschiedlich sind die Spezialisten, mit denen ich kooperiere. Ich kenne einen Computerfachmann, der bei Bedarf auch in private oder öffentliche Registraturen eindringt. Und ich habe einen Bekannten, der eine komplette Sammlung aller Passagierlisten in die USA von 1933 bis 1945 besitzt - das ist ein unersetzlicher Fundus.

Wie kamen Sie auf diese Spezialisierung?

Durch Zufall: Ich wollte eigentlich Drehbücher schreiben. Und bei einer Filmidee ging es um die Geschichte eines Bildes, sozusagen die Geschichte des Verschwindens aus der Sicht des stummen Zeitzeugen. Ich habe mir ein Gemälde gesucht, das im zweiten Weltkrieg wirklich verschwunden ist. Und bei meinen Recherchen in verschiedenen Bibliotheken und Archiven merkte ich, dass die wirklichen Geschichten viel spannender sind, als alles, was ich mir ausgedacht hatte.

Sie sorgen durchaus manchmal dafür, dass Bilder aus staatlichem Besitz in Privathände gelangen. Wie gehen denn Museumsdirektoren und Archivare mit Ihren Rechercheergebnissen um?

Das ist manchmal schon erstaunlich. Ein Beispiel: Als wir vor zehn Jahren versucht haben, eines der Gemälde aus dem Historischen Museum in Berlin heraus zu bekommen, hat sich der damalige Direktor - der später Kultursenator von Berlin wurde - vor laufenden Kameras hingestellt und gesagt: "Nur über meine Leiche". Er hat den Märtyrer gespielt und gar nicht begriffen, um was es eigentlich geht.

Wie reagiert die Kunstszene auf Ihre Aktivitäten?

Als ich zum ersten Mal in einem Museum saß und spürte, dass dort etwas verborgen wird, weil gewisse Archive selbst für Volontäre und Mitarbeiter nicht zugänglich waren, merkte ich schnell, dass ich da auf Mauern stieß. Und solche Widerstände gibt es auch heute noch.

Wie bekommt man einen Museumsdirektoren, der sich verweigert, zur Zusammenarbeit?

Oft hilft es, wenn man mit einer Geschichte an die Öffentlichkeit geht. Wurde in einer seriösen Zeitung über einen Fall berichtet, dann sind viele der Verantwortlichen eher bereit, sich mit mir und den Menschen, für die ich arbeite, auseinander zu setzen. Die Presse kann da schon was bewegen.

Hat sich bei Ihrer Arbeit in den letzten Jahren etwas geändert?

Die ersten zehn Jahre habe ich erst mal Prügel bezogen. Doch auch wenn viele Museumsdirektoren immer noch das Gespräch verweigern, so hat sich ideell in der öffentlichen Meinung etwas geändert. Inzwischen empfinden viele, dass sich ein Museum so nicht verhalten darf und sich eine öffentliche Sammlung nicht an gestohlener Kunst bereichern sollte.

Mit der Vorstellung, dass Kultur der Allgemeinheit gehört, können Sie nichts anfangen?

Im Prinzip schon, aber trotzdem gibt es gewisse Eigentumsrechte in demokratischen Gesellschaften. Und die muss man respektieren. Es gibt so viele Museen, die sich still und heimlich gestohlene Kunst einverleibt haben und die wahre Geschichte in den Archiven haben verschwinden lassen. Und so lange das der Fall ist und so lange sich da das Bewusstsein nicht ändert, so lange mache ich diesen Job auch noch weiter.

Wie kommen Sie an Ihre Fälle?

Bei der Suche nach Zeitzeugen stoße ich immer wieder auf neue Geschichten. Am Anfang habe ich mich praktisch wie ein klassischer Detektiv engagieren lassen und meine Arbeit auf einer normalen Honorarbasis abgerechnet. Aber das funktionierte nicht, weil mir dann die Leute auch sagen können, was ich zu tun und zu lassen habe. Deshalb arbeite ich nun auf eigenes Risiko und auf eigene Verantwortung. Wenn eine Vermittlung nicht klappt, entstehen dem Auftraggeber keine Kosten - und wenn es klappt, bin ich mit einem bestimmten Prozentsatz beteiligt. Seit zehn Jahren arbeite ich auf dieser Erfolgsbeteiligungsidee.

Bei den Bildern von Malewitsch, die aufgrund Ihrer Initiative den Erben in Russland zugesprochen wurden, hat sich das richtig gelohnt. Ist der Malewitsch-Fall mit der Rückgabe von fünf Gemälden und dem Verkauf eines Bildes aus dem New Yorker Museum of Modern Art abgeschlossen?

Nein, bisher war es nur der Anfang. Nächstes Jahr soll im Guggenheim-Museum in New York eine große Retrospektive stattfinden, mit Gemälden aus dem eigenen Bestand, aus Amsterdam, aus dem Russischen Museum und wahrscheinlich noch Beständen aus einer Galerie. Gehen Sie in eine große Picasso-Ausstellung: Sie können bei jedem Gemälde sehen, wann es der Künstler verkauft hat. In dieser Ausstellung wird das bei keinem einzigen Gemälde der Fall sein. Diese Bilder sind alle in öffentlichen Besitz geraten, ohne dass der Künstler oder seine Familie sie jemals verkauft haben. Die Amerikaner haben das als Erstes respektiert und sich mit der Familie geeinigt. Ich hoffe sehr, dass das auch mit den anderen Museen passiert.

Sollte das nicht selbstverständlich sein?

Es gibt in der Hinsicht eine unglaubliche Ignoranz und Borniertheit. Die Familie von Malewitsch hat 20 Jahre versucht, mit dem Amsterdamer Museum Kontakt zu bekommen - sie bekamen nicht einmal eine Antwort.An sich müssten die Museen diese Arbeit selber leisten und die Geschichten der Bilder rekonstruieren.

Aktuell recherchieren Sie wieder einen Fall, der spannend zu werden verspricht.

Es geht um eine Kiste mit impressionistischen Bildern, die zu Kriegsende in einer Berliner Bank gelagert war und einem russischen Soldaten übergeben wurden. Bislang ging man davon aus, dass die Bilder in der Sowjetunion verschwunden sind. Nach meinen Recherchen wurden sie aber auf dem Berliner Schwarzmarkt verkauft und hängen heute in den berühmtesten Museen der Welt. Für deren Direktoren wird es in der nächster Zeit einige Überraschungen geben.

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