Kultur : Versehentlich erschossen

ANNELIE LÜTGENS

Seit dreißig Jahren macht er das: aus Printmedien Bilder auswählen, zu Heften und Büchern zusammenstellen oder aber, wie zur Zeit in Wiens Laden, an die Wand pinnen.Hans-Peter Feldmanns unspektakuläre Fotoarbeiten sind einer Art von Alltagsarchäologie verpflichtet, einer Typologie von Dingen (z.B.Kleider), Orten (z.B.Telefonzellen) und Ansichten (z.B.Alpen).In diesem Bilderfundus mutet das einzelne Motiv interesselos; dessen Auswahl und Ordnung allerdings ist medienkritisch und kulturhistorisch auf den Punkt gebracht.

Kürzlich hat der 1941 geborene und im Rheinland lebende Künstler seinen eigenen Verlag gegründet.Die erste Publikation und derzeitige Ausstellung widmet sich einem Thema, das ebenfalls seit dreißig Jahren virulent ist: "Die Toten 1967-1993" ist ein Kompendium des gewaltsamen Todes, eine Chronik der Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung wie der staatlichen Machtausübung: "Studentenbewegung, APO, Baader-Meinhof, Bewegung 2.Juni, Revolutionäre Zellen, RAF,..." lautet der Untertitel, und die Pünktchen am Ende sind wichtig, weil zwar Ausführlichkeit, nicht aber Vollständigkeit beabsichtigt ist, weder was die Täter noch die Opfer angeht.

Überhaupt zeichnet sich dieses Projekt dadurch aus, daß es zwischen Tätern und Opfern keinen Unterschied macht.In der Abfolge der Bilder nach Todesdaten werden die moralischen Grenzen so unscharf wie manche der Bilder selbst.Neunzig Tatortaufnahmen, Steckbriefe, Paßbilder, Familienfotos.Manche dieser Toten sind mittlerweile berühmt: Benno Ohnesorg, Rudi Dutschke, Ulrike Meinhof, Hanns Martin Schleyer.Die meisten sind unbekannt.Etwa Ian Torquil McLeod, 34 Jahre alt, schottischer Geschäftsmann, der in Stuttgart am 25.6.1972 bei der Kontrolle seiner Wohnung von der Polizei versehentlich erschossen wurde.Das kleine Foto ist eine verschwommene Aufnahme vom Tatort: ein Zimmer, auf dem Boden zwischen Bett und Tisch der Erschossene, nackt.Wir sehen andere Tote, den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, wie er die Fäuste ballt, Holger Meins auf dem Totenbett, Benno Ohnesorg auf der Straße liegend.Und wir fangen an, die Bilder zu vergleichen und Fragen zu stellen, nach Repräsentation, Würde und Klassengesellschaft.Benno Ohnesorg übrigens, mit dem das Buch beginnt, wäre heute so alt wie Hans-Peter Feldmann.

Wiens Laden & Verlag, Linienstraße 158, bis 14.November.Mittwoch bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 12-17 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben