Kultur : Versschmuggel und andere Großstadtlaster

Heute beginnt das Poesiefestival Berlin 2004

Steffen Richter

Auf der Columbus Avenue in San Francisco eröffnete 1953 ein kleiner Buchladen, der nur Paperbacks verkaufte. Noch heute bekommt man dort Standardwerke des Dadaismus und Surrealismus, linksbewegt Politisches und das Feinste der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Vor allem aber stehen in einem eigenen Devotionalienraum des „City Lights Bookstore“ die Kanoniker der Beat-Literatur: Jack Kerouac, Allen Ginsberg, William Burroughs. Lawrence Ferlinghetti, der Inhaber des Ladens, gehört selbst in diese Reihe. Als Lyriker („A Coney Island of the Mind“), Romancier und Verleger der „City Lights Books“ hat er das Lebensgefühl von mehr als einer Generation mitgeprägt.

Dreißig Jahre war er nicht in Deutschland – zuletzt als Gast von Walter Höllerer am LCB. Als Stargast des diesjährigen „Poesiefestivals Berlin“ vom 26.6. bis zum 4.7. wird Ferlinghetti am Sonntag mit einem eigenen Abend geehrt (27.6., 20 Uhr, HAU 2). Vielleicht begann mit den Beatniks die Erosion dessen, was man lange unter einem Gedicht verstand. Die Grenzen zu anderen Kunstpraktiken wurden durchlässig. Mit der Berliner Literaturwerkstatt gibt es seit Jahren eine Instanz, die sich dieser Lyrik in allen erdenklichen Formen annimmt. Das Poesiefestival, das die Werkstatt nun ausrichtet, ist internationaler Präsentierteller einer Lyrik auf der Höhe der Zeit – mit 140 Dichterinnen und Dichtern aus 40 Ländern. Zur Eröffnung ertönt heute ab 20 Uhr wieder der „Weltklang der Poesie“. Das Open-Air-Spektakel am Potsdamer Platz mit Gedichten in neun verschiedenen Sprachen steht beispiellos in Europa da.

Herta Müller und Durs Grünbein treten mit Unveröffentlichtem an. Dabei sind aber auch Ferlinghetti, der Argentinier Juan Gelman, Mahmud Darwish aus Palästina und der Chinese Bei Dao, seit vielen Jahren ein Nobelpreis-Kandidat – Dichter, die im Lauf des Festivals auch noch in eigenen Veranstaltungen auftreten. Dao war gerade als Gast in Berlin, als die chinesische Führung den Platz des Himmlischen Friedens in ein Schlachtfeld verwandelte. Die Demonstranten hatten auch seine Verse skandiert. Dao nicht in sein Land zurückkehren und schickt seine Gedichte seitdem aus dem kalifornischen Exil in die Welt.

Dass politisches Engagement nicht mit formaler Biederkeit zusammenfallen muss, beweist auch Mahmud Darwish. Der Bürgerkrieg im Libanon und die Belagerung von Beirut im Sommer 1982 haben ihm früh zur Erkenntnis verholfen, dass die Literatur dem Wahnsinn des Krieges nur mit einem „Gegenwahnsinn“ begegnen könne. Der aber ist in herkömmlicher Sprache kaum zu haben.

Das Festival bietet aber auch Einblicke in die brodelnde Berliner Lyrikszene – etwa mit „innen stadt“ (28.6., 21.30 Uhr, HAU 2) Sechs junge Leute, unter ihnen Daniela Seel, Steffen Popp und Daniel Falb, haben ein Langpoem geschrieben, das Berlin vom Pleistozän bis zur Gegenwart behandelt. Nun kommt es erstmals auf die Bühne. Theater oder Lyrik? Und wie steht es mit Michael Roes´ „Kain-Elegie“? (4.7., 18 Uhr, HAU 1) Auch dieses Langgedicht über das Verhältnis zwischen der Freiheit des Einzelnen und den Regeln der Gemeinschaft feiert als Performance Premiere. Ganz zu schweigen von den 40 Filmen, die aus 800 Bewerbungen für den „2. Zebra Poetry Film Award“ nominiert sind. Selbst Lyrikexperten dürften zwischen den Genres „Poetischer Schriftfilm“ und „Poetry Clip“ (1.7.–4.7., Kino Arsenal) noch etwas entdecken.

Neben Sound- und Lautpoesie, Rap und Hip Hop existiert aber auch noch die traditionelle Wortkunst. Der Festivalschwerpunkt widmet sich in diesem Jahr den keltischen Sprachen, wie sie in Irland, Wales, Schottland und der Bretagne gesprochen werden. An zwei Abenden (28.6., 29.6., jeweils 19 Uhr, HAU 2) werden von 12 Dichterpaaren (etwa Volker Braun und der Waliser Grahame Davies, Jan Wagner und die auf Gälisch schreibende Meg Bateman) Verse in die jeweils andere Sprache geschmuggelt.

Hochwillkommen in dieser Vielfalt sind Überlegungen, der multimedialen Wortakrobatik mit einem „Zentrum für Poesie“ einen institutionellen Rahmen zu geben (Symposion am 27.6., 12 Uhr, Literaturwerkstatt). „Those fine tattoos of living / known as poems“, wie Ferlinghetti Gedichte nennt, haben Unterstützung verdient.

Details unter www.poesiefestival.org

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