Kultur : Verstecken spielen

Gute Wahl, schlechtes Timing: Michael Hanekes „Caché“ gewinnt den 18. Europäischen Filmpreis in Berlin

Jan Schulz-Ojala

Der Ärger darüber, dass es im Mai mit der Goldenen Palme für „Caché“ nicht geklappt hat, muss Michael Haneke noch immer tief in den Knochen sitzen. Bei der Gala zum 18. Europäischen Filmpreis am Sonnabend in der Berliner Arena stellt er ihn gleich dreimal unter Beweis. Erst bekommt er den Regiepreis, wie in Cannes: Er bedankt sich fast wegwerfend. Dann den Fipresci-Kritikerpreis, offenbar ein weiteres böses Omen: Den hätte er in Cannes ja auch noch bekommen, aber trotzdem, vielen Dank. Dann holt „Caché“ die Top-Trophäe, und was macht sein Regisseur? Damit habe er nun nicht mehr gerechnet, sagt er, dankt lustlos-eilig, wendet sich ab – und vergisst fast, die hingereichte Statuette mitzunehmen.

Traurige Pointe eines Abends, der gute Chancen hat, als die seit Menschengedenken eigentümlichste Veranstaltung in die Geschichte des zeremoniösen Filmpreiswesens einzugehen. Erstmals hatte die European Film Academy selbst die Regie über das Ereignis übernommen; und was erst scherzhaft begann, mit gestandenen Filmgrößen, die sich gut beschürzt in einer Art öffentlicher Gemeinschaftsküche zu schaffen machten, geriet alsbald zum Fiasko.

Gefühlte Länge des Abends: zwei Wagner-Opern – nicht zuletzt wegen der ausgreifenden Mitwirkung eines flämischen Orchesters. Versuchte Gags: dutzende. Verpuffte Gags: dutzende. Pannen: peinliche (inklusive Zwangsrückgabe einer falsch ausgehändigten Statuette). Filmausschnitte: oft nahezu aussagefrei. Foyerorientierte Abwanderungsquote des Publikums: beträchtlich. Und doch verständlich – denn selbst am späten Abend machte die Zeremonie erst zaghafte Anstalten, ihrem Ziel entgegenzutraben.

Wie gut, dass der fürs Lebenswerk geehrte Brite Sir Sean Connery seine relaxte Bahamas-Rentnerpose elegant mit Weltstarpower mixte – und somit zumindest augenblicksweise die kollektive Dösungstrance vertrieb. Wie gut auch, dass wenigstens Julia Jentsch bei der Annahme ihrer beiden DarstellerinnenPreise für „Sophie Scholl“ jugendliche Verlegenheit, Rührung und Freude verströmte. Wie gut überhaupt, dass der europäische Film weitaus besser ist als die Regie seiner diesjährigen Ehrenbezeugung. Michael Hanekes „Caché“ ist auch insofern ein würdiger Sieger, als er die großen nicht nur cineastischen Themen dieses Jahres, die Reflexion über beschädigte Familien und die Risse in den multiethnischen Gesellschaften des alten Europa, unaufdringlich virtuos miteinander verknüpft. Dass damit ausgerechnet der einzige in Deutschland noch nicht angelaufene Film unter den sechs Nominierten den Preis der 1600 Academy-Mitglieder holte, mag als weiteres – immerhin unverschuldetes – Pech der Veranstalter durchgehen. Andererseits kommt die Ehrung (Filmstart: 26. Januar) so zumindest nicht zu spät.

Juliette Binoche und Daniel Auteuil sind das Ehe- und Elternpaar in „Caché“, das durch anonym zugeschickte Videos aus seinem gutbürgerlichen, medienberuflich abgepolsterten Alltagsfrieden aufgestört wird. Die Videos führen auf die Spur eines Geheimnisses, das der Vater vor seiner Familie verbirgt: Als Einzelkind auf dem Lande hat er, aus purer Angst und Missgunst, die Adoption einer algerischen Waise verhindert. Eine lebenslange Verdrängung bricht plötzlich auf, eine Lebensschuld gegenüber dem Gleichaltrigen, den er auf der sozialen Leiter hinunterstieß – und eine Art Abrechnung beginnt. Dabei könnte es um die soziale Vernichtung des Fernsehmoderators gehen; oder auch nur darum, ihn durch die Reaktivierung seines schlechten Gewissens an das (soziale) Gewissen überhaupt zu erinnern?

„Caché“ liefert, wie die meisten der vertrackten Denkstücke Hanekes, keinerlei Eindeutigkeitsbelege. Der Film funktioniert wie ein Thriller ohne Thrill – aber nur wer auf’s whodunit immer eine Antwort braucht, steht am Ende mit leeren Händen da. Auteuil und Binoche spielen, minimalistisch brillant, Szenen einer zunehmend irritierten Ehe, und auch die Indizien der Wiederannäherung sind trügerisch. Schlaf ist – nicht wegen der Bedrohung selbst, sondern wegen der Weigerung, sie in der Tiefe anzunehmen – fortan nur mehr mit Tabletten zu haben. Nur: Die Träume ähneln dann geradezu verteufelt den Videos, mit denen alles seinen Anfang nahm. Auch die Erinnerung ist eine starre Kamera, die erbarmungslos aufzeichnet. Und die Schuld friert vielleicht nicht die Bilder ein, wohl aber den Schuldigen selber.

Um derlei Motive kreist „Caché“ – und der Film hält dabei den ganz großen gesellschaftlichen Maßstab aus. So lässt er sich auch als Metapher darauf lesen, wie die saturierten (weißen) Mehrheitsgesellschaften als Ver- und Abdränger par excellence sich mitschuldig machen an der Wut der Einwanderer, die sich – wie diesen Herbst in Frankreich – Ventile zu suchen beginnt.

Dass der Film beim Preissegen allerdings so heftig herausstach und seine beiden stärksten, auch thematisch verwandten Konkurrenten eliminierte, gehört wieder zu den Merkwürdigkeiten der Zeremonie. „L’enfant“ der Brüder Dardenne, immerhin die Goldene Palme von Cannes, und Susanne Biers „Brothers“ gingen leer aus – packende Geschichten zweier Familien ziemlich jenseits des Nervenzusammenbruchs.

„L’enfant“ steckte nicht im Sichtungspaket, das den Academy-Mitgliedern zugeschickt worden war. Die Filmproduktion verzichtete auf die Herstellung der Extra-Screeners; genötigt werden kann sie dazu nicht. Missachteten da die beiden Palmen-Verwöhnten die Europäische Filmakademie auf ihre Weise – sozusagen Haneke hoch fünf? Das wäre, nach all den Missgeschicken des Wochenendes, denn doch eine zu böse Pointe.

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