Kultur : Versteckspiel

Sechs junge Künstler in der Galerie Open

Tom Tabori

Ein Blick zurück offenbart manches über die Gegenwart. Wenn das Jahr 1910 von der zeitgenössischen Erfahrung der Entfremdung geprägt war – wie es Picasso in seinem Gemälde „Le Guitariste“ oder Kandinsky im abstrakten „Bild mit Kreis“ schilderten –, dann steht 2010 für einen Zerfall ganz anderer Art. Hundert Jahre später wird man von Nachrichten, Reality-TV und Werbung derart vereinnahmt, dass sich das eigentliche Leben wiederum entfernt. Was immer passiert, wird standardmäßig auf die Bildschirme geliefert – als genormte Kopie des Originals.

Was der Soziologe Zygmunt Bauman einen „flüssigen Modernismus“ nennt, findet sich auch in der Arbeit von Una Tittel wieder. Hinter dem Namen verbirgt sich ein Netzwerk von multidisziplinären Künstlern, Designern und Kuratoren, die in Berlin, London und Glasgow leben. Die erste Ausstellung, an der sechs junge Künstler und Mitglieder von Una Tittel teilnehmen, ist nun in der Galerie Open in Kreuzberg zu sehen.

„The Kingdom Came“: Der Name der Ausstellung entstammt Kate Meckesons gleichnamiger Gemälde-Trilogie. Graue Bergmassive brüten hier Diamanten aus. Sie duplizieren sich im Vordergrund, wie Tetris-Bausteine auf dem Bildschirm eines Gameboys und drohen, das ganze Bild zu bevölkern. Die zwei Symbole – Berge und Diamanten – konkurrieren erfolglos um die Vorherrschaft auf der Leinwand: Im Kampf der Symbole kann der Betrachter das Grauen erahnen, das sich in den entfernten Bergen Pakistans oder in Liberias Diamantenminen abspielt.

Auf dieser Verknüpfung von Altem und Neuem, mit dessen Hilfe sich im Idealfall die Strukturen der zeitgenössischen Kultur ergründen lassen, baut auch die Videoinstallation von Lauren Robbins auf. Robbins filmt Ausschnitte aus Malcom Le Grices ikonischem Film „Berlin Horse“ im Super-8-Format, digitalisiert sie und abstrahiert so das Original. Dank dieses Prozesses begibt sich der Film auf eine Reise durch die Zeiten, vergleichbar mit den ständig recycelten und neu verpackten Ansichten in unserem Zeitalter der Internetviren und Wikileaks.

Was bleibt, ist die Schönheit von Le Grices Film. Es scheint, als habe Robbins seinen Inhalt noch einmal konzentriert. Dies gelingt ihm nicht zuletzt dank der melancholischen Blautönung des Super-8-Formats und einem zwischen den Zeiten springenden Pferd. Dieser Prozess zeigt Parallelen zu den Werken von Richard Hamilton bis John Stezaker auf und legt so die filmischen Effekte offen. Den Medienschleier zu lüften, durch den wir die Welt wahrnehmen, gelingt Robbins’ Arbeit ebenso wie der übrigen Ausstellung.Tom Tabori

Galerie Open, Legiendamm 18-20; bis 31.8., Do - Sa 14-18 Uhr.

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