Kultur : Versteckspiel

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Kai Müller sieht

Madonna auf patriotischen Abwegen

Was muss ich tun, um ganz groß rauszukommen, fragt sich Madonna in ihrer neuen Single „American Life“. „Muss ich meinen Namen ändern? Sollte ich Gewicht verlieren?“ Der Song ist eine Abrechnung mit dem american dream und seinem Konformitätszwang. Wobei Abrechnung ein starkes Wort ist dafür, dass eine PopMillionärin frustriert feststellt, sie sei trotz allen Reichtums nicht zufrieden. Doch da es ein Madonna-Song ist, ist es ein Wegweiser. Und die zarte Andeutung, dass die „letzte Göttin“ des Pop für ihr Video einen Kampfanzug anziehen würde, reichte aus, um ihr radikalste Protestabsichten zu unterstellen – gegen Amerika, gegen Bush und gegen den Krieg. Jetzt will sie das alles so nicht gemeint haben: „Respekt und Mitgefühl für die Soldaten im Krieg“ habe sie bewogen, ihr Video aus dem Verkehr zu ziehen. Darin stolziert sie als weiblicher Feldwebel in Tarnuniform über den Laufsteg einer Modenschau und wirft am Ende eine Handgranate ins Publikum. Das könne falsch verstanden werden.

Was ist die Popkultur wert, wenn sie nicht mal mehr missverstanden werden will? Wenn selbst ein Star von der Reputation Madonnas sich bemüßigt fühlt zu beteuern, „ich unterstütze unsere Streitkräfte und ich bete für sie?“ Die subversive Energie des Pop ist stets die Uneindeutigkeit gewesen, das kalkulierte Missverständnis, der Tabu- Bruch, der den Hörer zum begeisterten Komplizen macht, aber auch abstößt, weil er etwas toll finden soll, das widerlich ist.

Kaum ein Song hat diesen Schauder des Verbotenen so eindrucksvoll transportiert wie „Killing An Arab“ von The Cure. Dass Araber zu töten nicht in Ordnung ist, braucht einem ja nicht erst der Irak-Krieg zu demonstrieren. Die britische Band feiert die Tat trotzdem als grandiosen Moment der Selbstermächtigung, und nur die literarisch Vorgebildeten erkennen in der düsteren Mordfantasie Albert Camus „Der Fremde“ wieder.

Das Geheimnis des Pop lautet, nicht erkennbar zu sein. Noch heute ist einer der berühmtesten Rocksongs eine kollektive Fehlinterpretation. Mag der Refrain von Springsteens „Born In The USA“ auch noch so sehr patriotische Gefühle wecken. Zwischen den Zeilen hört man das Elend derjenigen, denen nicht einmal Anpassung weiterhelfen kann.

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