Kultur : Versteckspiel

Christiane Peitz

Wenn eine Autorin von Kunst und Qual des Schreibens spricht, freut sich die Leserin wie ein Kind beim Versteckspiel. Hab ich dich: Hier stecken sie also, die Tricks von Stil und Sinn und Form. Was stellt Johanna, die Heldin von Marons letztem Roman „Endmoränen“, mit dem Hund an, den sie dort am Ende aufgegriffen hatte? Was sollen überhaupt Hunde in der Literatur? Muss Monika Maron nach Mexiko reisen, weil Johanna es im neuen Roman tut, oder genügt die Internet-Recherche? Bereitwillig gibt die Berliner Schriftstellerin in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung Auskunft. Verrät verworfene Romananfänge. Berichtet vom Selbstzweifel als Motor des Schreibens. Schlägt sich mit verbrauchten Wörtern wie der Sehnsucht herum, verteidigt sie gegen Hirnforscher und Ironiker. Ein Werkstatt-Selbstgespräch, in dem eine sympathisch skrupulöse, offenherzige, manchmal erfrischend unwirsche Monika Maron der Leserin Zutritt ins Dichterseelenleben verschafft. Glaubt sie jedenfalls. Bis zur Seite 71.

Dort steht, dass die Erzählerin es früher nicht leiden konnte, wenn die Mutter ihre Gedanken zu lesen begann. Als Kind entzog sie sich deren Zugriff, indem sie einfach keinen Gedanken in ihrem Kopf mehr zuließ. Der Trick: Alles, was sie wahrnahm, belegte sie auf der Stelle mit Wörtern. Die Welt wurde ein unaufhörlicher Text, und die Wörter waren der Preis der geistigen Freiheit. Ja, so muss die Kindheit einer Schriftstellerin aussehen. Zu spät bemerkt die Leserin, dass die manische Wörterproduzentin gar nicht Monika Maron ist, sondern ihre Romanfigur Johanna. Versteckspiel Literatur: Da entzieht sich eine, indem sie dich davon überzeugt, sie habe sich offenbart. Chapeau!


Dieses Buch bestellen Monika Maron: Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche. Frankfurter Poetikvorlesung. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 112 Seiten, 15,90 €.

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